Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-972403
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Giotto 
kommen doch dieser sittlichen Wirkung zu Statten. Mit den 
Mitteln der älteren Schule hätte er sie nicht erreichen können. Er 
gab daher mancheihrer Vorzüge auf, die dunkel leuchtende schwere 
Farbe, die typisch feste Zeichnung, selbst die ideale, aber fremd- 
artige und immerhin allgemeine Schönheit, nach der sie strebte, 
und erfand jene flüchtigere Farbenmischung, welche der leichte- 
sten, unbewussten Bewegung der Hand nachgab und zugleich in 
ihrer Unscheinbarkeit die Aufmerksamkeit des Beschauer-s frei liess. 
Auch jene bestimmte und leichte Zeichnung der Umrisse kam 
diesem Zwecke zu Gute; die eckigen Formen der Gesichter er- 
leiehterten den Ausdruck des Leidenschaftlichen und jeder vor- 
übergehenden Regung, und die breite Gewandbehandlung machte 
ihm möglich, die natürlichen Bewegungen des Körpers anzudeu- 
ten, ohne sich auf Details einzulassen, die nicht bloss seine Kennt- 
niss überstiegen, sondern auch ihn und seine Beschauer von dem 
Wesentlichen der Aufgabe abgezogen haben Würden. Ueberdies 
lag in dieser Gewandbehandlung eine Betonung des Seelenlebens, 
das sich im Antlitz nun um so wirkungsvoller äussern konnte, 
in der ganzen anspruchslosen Vortragsweise ein Mittel, den Be- 
schauer empfänglicher für den Ausdruck des Geistigen zu machen. 
Alles stimmt daher überein, bildet ein in sich abgerundetes und 
organisches Ganzes, dient dem einen Zwecke, uns das Ethische 
der Hergänge recht lebendig vor die Seele zu stellen, so dass Wir 
trotz der Unvollkommenheit der Zeichnung und Modellirung und 
des Mangels an sinnlicher Naturwahrheit uns in die Mitte jener 
Ereignisse gezogen fühlen und die ganze Kraft voller Gegenwart 
empfinden. 
Auch die allegorischen Gestalten der Tugenden und Laster, 
die, wie gesagt, grau in grau gemalt am untern Theil der WVände 
stehen, sind für Giotto höchst charakteristisch. Dass er sie sich 
nicht gewählt hat, dass sie ihm vielmehr vorgeschrieben sind, ist 
hier augenscheinlich, man sieht sogar, wie er mit dieser ihm neuen 
Aufgabe gerungen, sich dann aber darin vertieft hat. Vor ihm 
(wie auch in späterer Zeit) betrachteten die Maler solche Perso- 
niticationen als eine günstige Gelegenheit, schöne, dem Auge er- 
freuliche Frauengestalten zu zeigen, bei welchen dann ein Attribut 
ihre Bedeutung aussprach. Diese Behandlung war Giotto un-
        

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