Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-972388
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Giotto 
ein Apostel, auf der andern Seite anfasst und dabei mit ruhiger, 
freundlicher Miene auf ihn hinweist, gleich als sage er: Sehet her, 
er ist wirklich wieder auferweckt, solche Wunder vollbringt unser 
Meister. Aber diese ruhige Stimmung ist bei den andern Umste- 
henden noch nicht eingekehrt, man sieht sie in heftigster Bewe- 
gung, die meisten die Hände aufhebend und vor Erstaunen 
schreiend, vor allen einer, der, mit Schrecken und Freude käm- 
pfend, sich zu Lazarus hinneigt und mit ausgebreiteten Armen ihn 
berühren, sich noch näher überzeugen zu wollen scheint. Die 
Verbindung dieser beiden grossen Gruppen wird dann durch die 
Schwestern bewirkt, welche zu den Füssen des Heilandes sich 
hingestürzt haben, und mit geöffnetem Munde zu ihm hinauf- 
blickend, Bitte und Dank zugleich aussprechen. Bemerkenswerth ist 
dabei die Oekonomie der Darstellung, dass nur von der einen 
Schwester das Antlitz, von der andern mit ihr in gleicherHaltung 
niedergestürzteu nur der Ileiligenschein und der Rücken sichtbar 
sind, was indessen, indem es sowohl die Einförmigkeit der Wie- 
derholung, als die Schwächung durch eine Abweichung des Aus- 
druckes vermeidet, keineswegs ungünstig Wirkt. Nicht minder 
vorzüglich als die Erweckung des Lazarus ist die Klage um den 
Leichnam Christi, wo der Ausdruck des Schmerzes in allen Ton- 
arten mit einer Energie und Tiefe der Empfindung durchgeführt 
ist, wie kaum ein zweites Mal. Bei den älteren Männern, Nico- 
demus und Joseph von Arimathia, äussert sich das Gefühl mit 
Gebet und Ergebung, bei Johannes und einer der jüngern Frauen 
mit heftigster, fast verzweifelnder Bewegung, bei Maria sanfter, 
aber mit dem Ausdrucke wärmster, über das Grab hinausrei- 
chender Liebe. Von höchster Eigenthümlichkeit ist Magdalena, 
welche ruhig, aber mit starrem Blicke sitzend, den Fuss des 
Herrn in den Händen hält, wie ganz in Erinnerung und Betrach- 
tung ihres Verlustes versunken. Bemerkenswerth sind auch zwei 
Frauen, von denen die eine das Haupt des Herrn stützt, die andre 
eine Hand hält, und die, obgleich man von ihnen nur den breiten 
Rücken, nicht das Antlitz sieht, doch vortrefflich wirken und die 
Schwere des Momentes und die rücksichtslose Hingehung aller 
an den eigenen Schmerz lebendig versinnlichen. Selbst die Luft 
ist voller Klage, indem kleine Engel mit den heftigsten Bewegungen
        

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