Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-972340
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Giotto 
ständig gut oder doch mit geringen Mängeln erhalten, so dass 
wir noch sehr wohl über das Ganze urtheilen können. 
Schon in den Gegenständen hat es eine gewisse Eigenthüm- 
lichkeit. Die Geschichte der Aeltern der Maria, die von nun an 
ein Lieblingsgegenstand der Kunst wurde, ist hier zum ersten 
Male so ausführlich und genau dargestellt; auch die Verbindung 
der historischen Hergänge mit den allegorischen Tugenden und 
Lastern ist für diese Zeit charakteristisch, wenn auch dahingestellt 
bleiben muss, ob sie von dem Maler gewählt oder ihm vorge- 
schrieben war. In der Regel begann die Arbeit desselben erst 
mit der Begrenzung der Momente und mit der Einfügung in den 
Raum, und man muss auf das Einzelne der an sich in Farbe und 
Zeichnung unscheinbaren Gemälde eingehen, um den Sinn und 
das Ziel des Meisters richtig zu verstehen. Betrachten wir zuerst 
die historischen Darstellungen, so ist ihr Charakter durchweg der 
grosser Einfachheit. Die Gestalten stehen überall auf derselben 
Fläche, sie sind zwar in ausreichender, aber doch mässiger Zahl, 
selbst da, wo sie eine Volksmenge repräsentiren. Müssige Ne- 
benpersonen, wie sie Schon Niccolö Pisano im Belief angebracht 
hatte, kommen überall nicht vor; jede Gestalt spricht zur Sache, 
aber sie drängt sich auch nicht mit ihrer Besonderheit auf, und 
mehrere Figuren, die in der Erzählung in gleicher Lage und ohne 
individuelle Verschiedenheit erscheinen, sind auch mit gleichem 
Ausdrucke dargestellt. Alles Nebenwerk ist vollständig, aber 
einfach. Die Tracht, im Ganzen noch die traditionelle, nähert sich 
bei den Frauen schon etwas italienischer Sitte, doch in einfachster, 
unscheinbarster Weise, so dass man sie kaum bemerkt. Jeden- 
falls bleibt sie von den damals aufkommenden Moden eben so 
entfernt, wie von dem Fremdartigen byzantinischen-Ueberlieferung. 
Die Umgebungen, Gebäude, Berge, Bäume sind nur so weit als 
zum Verständniss des Herganges nöthig, in leichten Umrissen 
angedeutet, die architektonischen Innenansichten in einer conven- 
tioxlellen Form, die etwa dem Durchschnitte des Gebäudes nach 
Fortnahme der vorderen Mauer entspricht. An die Reproduction 
einer sinnlichen WVirklichkeit ist überall noch nicht gedacht; wie 
das ganze Mittelalter, betrachtete auch Giotto noch seine Kunst 
als eine Schrift, die, obgleich ohne Buchstaben (teschricbcia, doch
        

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