Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-972305
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Giotto. 
Später änderte sich die Ansicht; auf der Höhe der Renais- 
sance und noch mehr auf dem theoretischen Standpunkte des vo- 
rigen Jahrhunderts gönnte man Giotto nur noch ein Wohlwollen- 
des Anerkennen seiner kindlichen Bestrebungen. Aber auch den 
Neueren wurde es, ungeachtet des beginnenden Verständnisses 
für mittelalterliche Kunst, anfangs schwer, sich die grosse Be- 
deutung seiner Leistungen, selbst ihr eigenes Wohlgefallen an 
denselben klar zu machen. Seine Zeichnung ist im Nackten 
mangelhaft, bei bekleideten Körpern nur von allgemeinerltichtig- 
keit. Abrundung und Modellirung der Körper fehlen ihm fast 
gänzlich oder sind nur schwach angedeutet. Die Köpfe sind 
eckiger als in der Natur, die Stirn oder der Hinterkopf oft un- 
vollständig ausgebildet; das Kinn ist rechtwinkelig, die Brauen 
sind flach, die Augen bei Profilköpfen oft schief oder so gestellt, 
dass sie nach der Nase zu convergiren, ihrer Form nach häufig 
länglich und geschlitzt, wie es in der Natur nur ausnahmsweise 
vorkommt. Noch mangelhafter sind Hände und Fiisse, jene meist 
zu lang oder zu gross, diese, wo sie einmal unter den langen 
Gewändern hervortreten, welchesie gewöhnlich verdecken, plump, 
auch wohl unrichtig gestellt. In idealer Schönheit der Köpfe steht 
er seinem Lehrer Cimabue und seinem ältern Zeitgenossen Duccio 
Weit nach. Seine Madonneu mit dem länglichen, nonnenhaft um- 
kleideten Gesichte, den geschützten Augen und dem feinen Munde 
haben wohl einen Ausdruck der Milde und süsseu Schmachtens, 
aber die Hoheit, die jene ihr zu leihen wussten, geht ihr ab, und 
noch mehr stehen seine Engel, seine Jünger an Schönheit des 
Antlitzes und edler Form hinter denen zurück, die uns bei jenen 
in überraschender Weise entgegentreten. Kolorist ist er noch 
weniger, seine Farbe ist auf den 'l'afelbildern zwar flüssiger und 
nicht so trübe, wie bei den Byzantinern, aber auch ohne tiefere 
Bedeutung, in den YVandgemäldenf-i) bleich; Berge und Bäume 
damalige Zeit nennt. [Cujus in arte tanta fuit praestantia, ut et aliorum 
usque modo princeps habitus sit.) Förster im Kunstbl. 1837. S. 354. 
4') Die Ausführung derselben ist noch nicht das vollständige Fresco der 
Spätern (buon fresco), welches erst gegen Ende des Jahrhunderts aufkam, 
sondern durch trockene Uebermalung vollendet, wie dies Cennino di Drea 
Cennini ausführlich beschreibt.
        

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