Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-972177
Giovauni 
Pisano. 
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Wie das eifrige Wesen des Meisters auch seine Gehülfen fortge- 
rissen hat. Die Spuren des antiken Styls sind noch nicht ganz 
verschwunden, in gewissen Beziehungen scheint sogar der Ein- 
fluss desselben stärker als bei Niecolö; der wiederkehrende Typus 
des Gesichts erinnert an griechisches Profil, und die Gewänder 
sind weniger schwer, und darauf berechnet, den Körper durch- 
blicken zu lassen. Aber an Stelle der ruhigen Haltung und derben 
Kraft in Niccoltfs Werken, also grade der Eigenschaft, welche 
anfArnolfo und so viele andre Bildner dieserZeit fast ausschliess- 
lich übergegangen war, ist hier das Streben nach geistigem Aus- 
drucke vorherrschend. Anklänge an die Compositionen Niccolffs 
kommen noch wiederholt vor; selbst an der Faeatle von Orvieto 
haben die Scenen der Visitation, Geburt, Anbetung der Kö- 
nige noch eine Verwandtschaft mit den gleichen Darstellungen in 
Pisa und Siena. Aber grade dabei tritt denn die Verschiedenheit 
beider Meister hervor. Während bei Niccolb die Nebentiguren 
sich meist ruhig und gleichgültig verhalten, hat hier jede irgend 
einen bestimmten Aifeet zu vertreten. Bei der Geburt Christi z. B. 
hatte jener in den Reliefs von Pisa und von Siena altem Herkom- 
men gemäss neben dem Bette der Jungfrau zwei Mädchen ange- 
bracht, Welche das hier zum zweiten Male vorkommende Kind 
Waschen. In Orvieto sind zwar die beiden Mädchen nebst dem 
Waschgefäss beibehalten, aber das Kind ist nicht wiederholt, 
und Während die Eine emsig das Bad bereitet, Wendet sich die 
Andre mit dem Ausdrucke inbrünstigster Verehrung nach dem 
Kinde, von dessen Bettlein die Mutter, denn auch sie darf hier nicht 
in grossartiger Ruhe bleiben, den Vorhang hebt. Diese geistige 
Lebendigkeit erstreckt sich selbst auf die ausserhalb der histo- 
rischen Compositioneil angebrachten, mehr decorativ behandel- 
ten Gestalten. Während die Statuetten an den Ecken der Kanzeln 
sonst mehr architektonische Bedeutung haben, zeigen an der von 
Pistoja die Sibyllen die Verschiedenheit des Eindrucks bei den 
Ülfenbarungen der sie begleitenden Engel. Und eben so sind die 
Halbliguren von Engeln in dem Rankengeflecht. an der Facade von 
Orvielo alle mit dem heftigsten Ausdrucke der Theilnahme an den 
in ihrer Nähe vorkommenden Ereignissen dargestellt. Es lässt 
sich nicht verkennen, dass dies Streben nach Innigkeit und Lebens- 
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