Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-972141
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Giovanni 
Pisano 
und 
Giotto. 
Schärfe des Blickes Hir ihre Erscheinungen die meisten seinerZeit- 
genossen übertraf, hatte er doch denselben Boden mit ihnen ge- 
mein, und das Streben nach Naturwahrheit im Ganzen und be- 
sonders in psychologischer Beziehung war gewiss eine allgemeine 
Eigenschaft. Ich machte schon darauf aufmerksam, dass wir die 
Hergärlge einer nahen Vergangenheit, die er schildert, fast mit 
gleicher Lebendigkeit bei den Chronisten erzählt finden, und dass 
gewiss die meisten Züge derselben ihm schon überliefert sein 
müssen. Besonders aber beweisen dann Danteis künstlerische 
Zeitgenossen diesen Zusammenhang. Sie streben nicht nur ganz 
wie er nach genauer, verständlicher Schilderung der sittlichen 
Hergänge, sondern sie thun dies auch in derselben, wenn ich auch 
hier so sagen darf, scholastischen Weise, mit derselben Naivetät, 
derselben Gleichgültigkeit gegen etwaige feine Verletzungen der 
Harmonie, mit derselben kurzen, gedrängten, unmittelbar auf 
die wesentlichen Momente eingehenden V ortragsweise. Der Dich- 
ter und die Künstler werden uns daher auch durch ihre Verglei- 
chung erst recht verständlich; bald lässt das Wort, bald das Bild 
uns das Motiv besser erkennen, das wir denn auch in der andern 
Kunst wieder antreffen. 
Kam hienach zu der Anforderung tieferen Eingehens auf die 
ethischen Motive auch die einer tieferen Naturwahrheit an die 
Künstler, so konnten ihnen die conventionellen Motive der bis- 
herigen Kunst eben so wenig genügen, wie Dante die conventio- 
nellen Gleichnisse seiner Vorgänger. Zwar hatten sie nach da- 
maliger Stellung der Kunst nicht die Aufgabe, Dante in der 
Schilderung weltlicher Hergänge zu folgen oder sich auf das 
weite Feld des natürlichen Lebens einzulassen. Aber sie sollten 
die heiligen Hergänge mit ihren eignen nationalenEmplindungen 
beleben, den Beschauern wie heutige Ereignisse vor Augen 
führen, und dazu gewährten ihnen die bisherigen Quellen der 
Kunst, die byzantinische Malerei, die antike Plastik, keine Mittel. 
Ihre Kraft, ihre Tragik waren ganz andre als die. welche das 
gleichzeitige, christliche Leben bot und jenes sittliche Bedürfniss 
anzuschauen wünschte. Es blieb daher auch ihnen nichts übrig, 
als aus dem Leben selbst zu schöpfen, so wenig die bisherige 
Kunstpraxis dazu Anleitung gab.
        

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