Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-972136
Dante's 
Naturalismus. 
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noch keine Geltung. Man kann diese Vorliebe, für die natürliche 
Erscheinung wohl einen beginnenden Naturalismus nennen, 
nur dass derselbe sich noch von dem modernen unterscheidet, 
noch wesentlich auf dem Boden der scholastischen Weltanschauung 
steht. Die Natur ist ihm noch nicht eine gesonderte, zweite Offen- 
barung, sondern nur ein neu aufgefundener Cornmentar der allbe- 
kannten kirchlichen. Sie steht noch in vorausgesetzter unmittel- 
barer Uebereinstimmung mit ihr. Jene Einheit , in der das 
mittelalterliche Bewusstsein sich bisher vermöge der Abstraction 
von der Natur erhielt, ist durch dieses erste, liebevolle Hinblicken 
auf dieselbe noch nicht gebrochen. Alles bildet noch eine Totali- 
tät, das naivste Naturbild darf neben die höchsten geistigen Ge- 
danken gestellt Werden, man unterscheidet noch nicht zwischen 
der abstracten, gesetzlichen Grundlage und der heitern Aussen- 
Seite der Natur, zwischen ernsten und komischen Zügen der 
Erscheinung, die Strenge der religiös-sittlichen Lehre verträgt 
sich noch sehr wohl mit der unbefangenen Heiterkeit des Lebens. 
Dies scholastische Element äussert sich dann in formeller 
Beziehung bei der Ausführung dieser Naturbilder. DerGegensatz 
zwischen jenen streng physikalischen Gleichnissen und den naiven 
Lebensbildern wird schon dadurch bedeutend gemindert, dassbeide 
nicht bloss mit gleichem Ernste, sondern mit gleicher Schärfe und 
Präcision vorgetragen sind. Man könnte glauben, dass Dante sei- 
nem Lehrer Virgil auch in der behaglichen, plastischen Ausar- 
beitung seiner Gleichnisse gefolgt sein werde. Allein kaum zwei 
oder drei haben einen schwachen Anklang davon, alle andern sind 
Überaus kurz, mit Wenigen treffenden Worten und scharfer Be- 
tonung der Wesentlichen Punkte gegeben. Es war dies nicht etwa 
eine Beschränkung, die Dante sich im wohlverstandenen Interesse 
Poetischer Wirkung auflegte; solche Kiinstlichkeit lag ihm sehr fern 
und er versagte sich keine Ausführlichkeit und Umständlichkeit, 
Wo sie seinem geistigen Zwecke nützlich schien. Es war nur die 
Folge der scholastischen Denkweise, welche auch die Anschauung 
allf das abstracteste Maass zurückführte und begrifflich fest- 
Stellte. Wenn dies der poetischen Wirkung zu statten kam, so war 
ES eine Gunst des Zeitgeistes, nicht ein Kunstgriff des Dichters. 
Wenn auch Dante in dem Verständniss der Natur und in der
        

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