Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-972041
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Schlussbetrachtuxmg. 
der bisherigen Malerei das religiös Ergreifende im byzantinisiren- 
den Sinne bis zum Schreckenden und Grauenhaften steigerten, 
so rief dies eine Reaction des antiken Elements, ein Streben nach 
selbstbefriedigter Schönheit, nach dem Thatkräftigen und _Lebens- 
vollen hervor, wobei denn Niccolö Pisano freilich so weit über 
die Grenzen des Christlichen hinausging, dass kein einziger sei- 
ner Zeitgenossen ihm zu folgen vermochte. Aber sein energisches 
Auftreten hatte nun die bedeutende Wirkung, das Ziel näher fest- 
zustellen, und das eigne nationale Gefühl als Richter zwischen 
den byzantinischen und antiken Vorbildern aufzurufen. Es ent- 
stand ein ldeal, welches das lmponirende, Grossartige, Ernste, 
etwas von jenem Unnahbaren der byzantinischen Kunst mit der 
grösseren Schönheit und freundlichen Würde und Anmuth der 
Antike verbinden, dabei aber auch der specifisch- italienischen 
Neigung für Gefühlsweichheit und Liebeswärme durch Züge 
weiblicher Milde und kindlicher Naivetät Befriedigung gewähren 
wollte. Es kam darauf an, dem Byzantinischen seine Starrheit, 
dem Antiken seine gleichgültige, kühle Stimmung zu nehmen, in 
beiden die verwandten, dem italienischen Charakter zusagenden 
Züge zu beleben. Auf diesem VVege war Cimabue der erste, 
aber man erkennt die verschiedenen Elemente, auf deren Ver- 
schmelzung es ankam, noch gesondert; in den kolossalen Altar- 
bildern' ist noch das Fremdartige des Byzantinischen, in den 
historischen Darstellungen das Zufällige, Unsichere des blossen 
Phantasiebildes, wie bei den Miniaturmalern, vorwaltend. Duccio 
aber hat das Ziel wirklich erreicht, seine Bilder sind ganz von 
dem Hauche idealer Schönheit durchdrungen, und geben zugleich 
die heiligen Hergänge in lebendiger, erschöpfender Darstellung 
mit feinen Zügen, die sie dem Verständniss nähern. Wäre es 
nur auf die Betrachtung dieser Hergänge und Gestalten im idea- 
len Lichte angekommen, so hätte man dabei stehen bleiben können. 
Allein inzwischen waren in der Nation andre Bedürfnisse erwacht.
        

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