Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-972029
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Anfänge 
italienischer 
Malerei. 
eine, durch die Verhältnisse des italienischen Volkes gebotene 
Nothwendigkeit. Sich ohne Weiteres, nur von eigenem Wohl- 
gefallen geleitet, in dem Beichthume der natürlichen Erscheinung 
zurechtzuiinden und so ohne Vorschule eine darstellende Kunst 
zu schaffen, ist menschlicher Kraft nicht verliehen. Es bedarf da- 
zu einer allgemeinen, individueller Willkür entrückten Regel, 
eines allen Einzelnen gemeinsamen, ihnen gegebenen Standpunk- 
tes, von dem aus die Dinge sich gruppiren, und das Wesentliche 
in ihren Zügen sich vom Unwesentlichen scheidet. Bei den mei- 
sten Völkern und im regelmässigen Gange der Dinge gewährt 
die Architektur diese stylistische Grundlage. Erst wenn diese 
vorangehende Kunst unter der Herrschaft des Gemeingeistes eine 
gewisse Reife erlangt hat, beginnt mit dem individuellen Leben in 
sittlicher Beziehung auch das Bedürfniss seiner künstlerischen 
Darstellung und findet dann in dem architektonischen Stylgesetze 
den Boden zu freier und zugleich gesetzlicher Befriedigung. Bei 
den Italienern tiel vermöge ihres ererbten Individualismus diese 
architektonische Vorschule fort, sie gingen unmittelbar aus einer 
rohen, anarchischen, kunstlosen Zeit in eine civilisirte mit höchst 
entwickeltem Selbstgefühle der Einzelnen über, vermöge dessen 
man alle Künste zugleich postulirte, ohne die Verbindung der- 
selben durch einen naturgemäss auf eignem Boden entstandenen 
architektonischen Styl zu besitzen. Sie konnten daher nicht 
anders, als sich nach einer bereits vorgeschrittenen Kunst 
umsehn und diese in stylistischer und technischer Beziehung 
als Ausgangspunkt benutzen, und zogen dabei, da sie keine 
Ursache hatten, einer einzigen der ihnen zugänglichen Styl- 
formen den Vorzug zu geben, alle, die in ihrem Bereiche lagen, 
heran. So kam es, dass diese freiheitsstolze und zugleich kunst- 
begabteste Nation in künstlerischer Beziehung durchweg abhängig 
wurde, und dass die Architektur gothische Formen, die Malerei 
nicht bloss Farbenmischungen und technische Hülfsmittel, son- 
dern auch geistige Anschauungen von den Byzantinern annahm 
und die Bildner theils wie Niccolö Pisano antike Sculpturen un- 
mittelbar nachahmten, theils doch, wie der Meister des Tautbeckens 
von Verona, instinktmässig unter der byzantinischen Umhüllung 
den antiken Gliederbau aufsuchten. Indessen setzt die Annahme
        

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