Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-971383
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Anfänge 
italienischer 
Sculptur. 
einen Baum, in der conventionellen Weise der Miniaturen, in 
dessen Krone ein Jüngling sitzt, der einen Bienenkorb hält, wäh- 
rend am Fusse desselben ein Drache zu ihm hinauf Feuer speit 
und an den Wurzeln zwei 'l'hiere nagen, die man vielleicht für 
Wölfe oder Hunde halten könnte, die aber Mäuse und zwar (was 
freilich das Relief nicht erkennen lässt) eine schwarze und eine 
Weisse Maus darstellen sollen. Endlich sieht man zur Seite 
Sonne und Mond und zwar sonderbarerweise jede zwei Mal, ein 
Mal in einem grössern Medaillen auf Wagen, Helios mit vier 
Bossen, Luna mit zwei Stieren, dann in kleinerer Gestalt jede 
nur mit einem Kopf dieser Thiere neben sich, wahrscheinlich 
um so den Gegensatz der lilittagshöhe und des Abnehmens an- 
zudeuten. Ueber den Sinn dieser ungewöhnlichen Darstellung 
hat man viel gesprochen und darin Geheimlehren des Mittelalters 
oder nordische Sagen des Heidenthums zu finden geglaubt. Allein 
in der That stammen sie aus derselben Quelle wie so viele andre 
auffallende Darstellungen, aus der Legende, und zwar aus der 
h. Barlaam. Dieser Heilige erzählt nämlich unter andern lehrhaf- 
ten Dingen dem indischen Königssohne Josaphat ein Gleichniss 
von einem Manne, der auf der Flucht vor dem Einhorn in einen 
abschüssigen Abgrund stürzt, aber zum Glück ein Bäumlein er- 
greift, an dem er sich hält. Allein der Boden ist Schlüpfrig und 
vier Schlangen erheben ihre Köpfe aus demselben; überdies nagen 
zwei Mäuse an den Wurzeln des Baumes und in der Tiefe lauert 
ein grimmiger, Feuer aushauchender Drache. Dies alles sieht der 
Mann, zugleich aber auch, dass von den Zweigen des Baumes ein 
wenig Honig fliesse, und dies genügt dem laeichtsinnigen, der 
Gefahr vergessend sich ganz diesem Genusse hinzugeben. Offen- 
bar liegt dies Gleichniss zum Gflllllleß) und es ist merkwürdig 
 So viel ich weiss, ist diese Erklärung zuerst von Didron in den An- 
nales archeologiques Bd. XV. S. 413 gegeben. Neben der daselbst mitge- 
theilten grössern Abbildung des Reliefs vergl. eine kleinere der ganzen Thür 
in der Revue archäologique 1853 Tom. 1 pl. 216 und Springer in den Mitth. 
d. k. k. C. C. Bd. V. S. 30, der bei dieser Gelegenheit mit Recht gegen die 
von Mehreren versuchten Deutungen mittelalterlicher Bildwerke aus der Edda 
eifert. Der Baum aus der Barlaamslegende soll auch sonst in Reliefs des 
Mittelalters vorkommen, namentlich in der Marienkirche zu Lübeck und im 
Münster zu Strasburg.
        

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