Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968496
Früher 
Individualismus. 
zu vertreten, dessen Zeit aber noch nicht gekommen war und das 
zunächst nur in negativer Gestalt zum Vorschein kam. Der. welt- 
geschichtliche Vorzug des griechisch-römischen Stammes ist das 
tiefe Gefühl für Bedeutung und Kraft der Individualität, und nament- 
lich hatte Rom den Begriff der Persönlichkeit in seiner privatrecht- 
lichen Bedeutung mit höchster Meisterschaft, für alle Zeiten muster- 
haft ausgearbeitet. In der Blüthezeit der römischen Welt hatte- 
republikanischer Patriotismus oder der Glanz des Reiches die 
Sprödigkeit dieses Princips überwunden, bei der Gleichgültig-- 
keit gegen das gemeine Wesen, welche die Imperatorenherr- 
schaft hervorbrachte, war sie aber nackt hervorgetreten. Jeder 
war sich selbst der Mittelpunkt, sorgte und dachte nur für sich 
und die Seinigen, und dieser gebildete Egoismus war dann den. 
Barbaren gegenüber vollends zum Systeme geworden. Dem be- 
gegnete nun bei den Germanen eine äusserlich verwandte Eigen- 
schaft, jenes tiefe Gefühl für persönliche Selbstständigkeit, welches 
schon den Gemeinden und Volksverbänden in ihren ursprünglichen 
Sitzen überwiegend den Charakter freier Vereinigung gegeben 
hatte und durch die Völkerwanderung noch bedeutend gesteigert 
War. Indessen verband sich bei ihnen mit diesem Gefühle der 
Unabhängigkeit auch das der Vereinzelung und Bedürftigkeit, der 
Sehnsucht nach liebevoller Hingebung, der Anspruchslosigkeit und 
Pietät, der Neigung sich anzuschliessen und unterzuordnen. Da- 
her die Festigkeit verwandschaftlicher Bande und der Stammes- 
gemeinschaft, die Gewohnheit genossenschaftlicher Gliederung, 
unverbrüchlieher Treue gegen die freigewählten oder rechtlich an- 
erkannten Führer. Durch die Herrschaft des Christenthums wurde 
diese Seite ihres Wesens, die einende, liebevolle immer mehr ge- 
kräftigt und zuletzt überwiegend, und führte so durch lehnsrecht- 
liche Verhältnisse oder durch Gruppirung gewisser Landschaften 
um gemeinsame Mittelpunkte kirchlicher oder fürstlicher Leitung 
Zllr Bildung von Provinzen und Nationen mit monarchischer Spitze 
und zu festen Standesverhältnissen, in denen zuletzt die Individua- 
lität weniger hervortrat als das Gemeinsame. 
Bei den Germanen, die sich in Italien niederliesserl, kam diese 
Anlage nicht zur Ausbildung. Beide, Römer und Deutsche, be- 
gegneten sich vielmehr hier zunächst in dem Gefühle der Selbst-
        

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