Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-970409
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Italienische 
Gothik. 
wirklich darauf an, recht viele Spitzen zum Himmel zu strecken, 
so hätte man hier in der That das Ziel erreicht; allein schon dass 
sich in allen nordischen Ländern keine einzige Anlage dieser Art 
findet, hätte an dieser Ansicht irre machen sollen. Der gothische 
Styl verlangt vor Allem Wahrheit, construct-ive Grundlagen des 
Decorativen, und die hoch in der Luft schwebenden Spitzgiebel 
über den Pultdächern der Seitenschifie sind nur ein prunkenrles 
Scheinwerk, welches dem Innern widerspricht. Niemals hat auch 
der golhische Styl seine Spitzgiebel in so massenhafter Gestal- 
tung neben einander gestellt, es ist darin eine decorative Ueber- 
treibung, ein schwerfälliger Prunk mit dem, was nur als leichtes 
Spiel gestattet ist, dass ein an jenen Styl gewöhntes Auge sich 
eher verletzt fühlen muss. Auch im Einzelnen ist viel Yerletzen- 
des. Dass die Portale rundbogig sind, ist noch ein geringerer 
Fehler, als dass sie bei sehr verschiedener Breite gleich hoch sind, 
dass ferner die Gallerien über den Seitenschißen die schweren 
Giebel derselben tragen, und dass endlich die Fialen neben dem 
Mittelgiebel ganz ohne sichtbare Begründung anheben. 
Einfacher und consequexiter ist die Fagzade, welche auf der 
Chorseite des Domes in die daruntergelegene Taufkirehe S. Gio- 
vanni führt, und welche, wie gesagt, im Jahre 1317 angefangen 
Wurdem), und aus drei Portalen besteht, über denen die drei spitz- 
bogigen Fenster des Chores der Oberkirche stehn. Auch die 
Pfeilerbildung im Innern dieser 'l'aufkirche ist abweichend von 
den schweren Formen italienischer Gothik, aus dem Achteck mit 
vier polygonen Diensten für die Gurte und ebensoviel zugespitzten 
Rundstäben für die Rippeniii). 
ß) Vasari schreibt diese Faeade den von ihm als Brüder behandelten 
Meistern Agostino und Agnolo zu, welche aber, wie die Herausgeber der neuen 
Ausg. (II. 3) mit Recht bemerken, den Urkunden zufolge niemals Dombau- 
meister waren. Erst 1340 wird Giovanni, der Sohn des Agostino, Ober- 
meister (Rumohr II. 139], während nach der Chronik und dem Zusammen- 
hange der Urkunden diese lshqade schon 1317 begonnen sein muss, wo ein 
andrer Seneser, Gamaino di Crescenzio, Obermeister war. Dieser besorgte 
auch im J. 1318 die Anschaiiung von farbigen Marmorn, welche nur zu diesem 
Theile des Baues dienen konnten (Milanesi p. 182], und wird also wohl der 
Erbauer derselben sein. 
 Vergl. Lübke in den Mittheilungen V. S. 194.
        

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