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Italienische
Gothik.
oder wurde doch nur herangerückt ohne innere Verbindung; das
Strebewerk, abgesehn davon, dass es dem italienischen Geschmack
wenig zusagte, war bei der Breite der Pfeilerstellung, der dadurch
bedingten Stärke der Zwischenwände und der Höhe der Seiten-
Schiife entbehrlich. Die Strebepfeiler sind daher fast nur eine
Decoration oder verstärkte Lisenen; Strebebögen kommen selten
und dann meistens in unscheinbarer Form vor; wo man einer
Stütze dieser Art bedurfte, setzte man lieber Strebemauern auf
den Quergurt der SeitenschiHe. Aber nicht bloss einzelne Eigen-
heiten des gothischen Styls, sondern der Grundgedanken des-
selben, die aus der Construction hervorgehende organische Ein-
heit aller statischen und decorativen Theile, blieb den Italienern
fremd. In ästhetischer Beziehung fassen sie stets das Einzelne
gesondert in's Auge. Wie den Thurm behandeln sie auch die
Facade, ungeachtet sie nothwendig am Körper des Gebäudes
haftet, als ein ganz selbstständiges Schaustück, und noch weniger
halten sie sich verpflichtet, nach der Herleitung des Ornamentalen
aus der Construction zu fragen. Dass der gebrochene Bogen eine
nothwendige Folge der verticalen Gliederung ist und dass die
Einheit des Ganzen seine Anwendung, wie in den grossen Bögen
und Gewölben, auch in allen andern Theilen fordert, haben sie
nie anerkannt. Zu allen Zeiten mischen sie Rundbögen, wo ihnen
solche grade bequem sind oder eine günstige Wirkung verspre-
chen, unter die Spitzbögen, zu allen Zeiten behalten die horizon-
talen Linien eine vorherrschende Bedeutung. Dabei aber machen
sie von den Zierformen, die doch nur als eine Consequenz des
Aufstrebenden sich rechtfertigen, den reichlichsten Gebrauch.
Grade bei der Annahme des gothischen Styls zeigt sich recht
deutlich, wie sehr ihnen Construction und Ornamentation aus-
einauderfallen. Sie acceptiren Beides, aber jedes unter andern
Bedingungen; die Construction unter der einer Vereinfachlnrg,
die Ornamentation unter der des freiesten Gebrauchs. Jene war
ihnen nur das praktische Mittel solider Ueberwölbung und eines
regelmässigeren Baubetriebes, diese eine willkommene Bereiche-
rung ihres decorativen Vorraths, ein neues und pikantes Formen-
spiel, das sie nach Laune und Belieben und mit verschwenderi-
scher Fülle anwendeten, ohne sich um constructive und rationelle