Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-969828
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Italienische 
Gothik. 
oder wurde doch nur herangerückt ohne innere Verbindung; das 
Strebewerk, abgesehn davon, dass es dem italienischen Geschmack 
wenig zusagte, war bei der Breite der Pfeilerstellung, der dadurch 
bedingten Stärke der Zwischenwände und der Höhe der Seiten- 
Schiife entbehrlich. Die Strebepfeiler sind daher fast nur eine 
Decoration oder verstärkte Lisenen; Strebebögen kommen selten 
und dann meistens in unscheinbarer Form vor; wo man einer 
Stütze dieser Art bedurfte, setzte man lieber Strebemauern auf 
den Quergurt der SeitenschiHe. Aber nicht bloss einzelne Eigen- 
heiten des gothischen Styls, sondern der Grundgedanken des- 
selben, die aus der Construction hervorgehende organische Ein- 
heit aller statischen und decorativen Theile, blieb den Italienern 
fremd. In ästhetischer Beziehung fassen sie stets das Einzelne 
gesondert in's Auge. Wie den Thurm behandeln sie auch die 
Facade, ungeachtet sie nothwendig am Körper des Gebäudes 
haftet, als ein ganz selbstständiges Schaustück, und noch weniger 
halten sie sich verpflichtet, nach der Herleitung des Ornamentalen 
aus der Construction zu fragen. Dass der gebrochene Bogen eine 
nothwendige Folge der verticalen Gliederung ist und dass die 
Einheit des Ganzen seine Anwendung, wie in den grossen Bögen 
und Gewölben, auch in allen andern Theilen fordert, haben sie 
nie anerkannt. Zu allen Zeiten mischen sie Rundbögen, wo ihnen 
solche grade bequem sind oder eine günstige Wirkung verspre- 
chen, unter die Spitzbögen, zu allen Zeiten behalten die horizon- 
talen Linien eine vorherrschende Bedeutung. Dabei aber machen 
sie von den Zierformen, die doch nur als eine Consequenz des 
Aufstrebenden sich rechtfertigen, den reichlichsten Gebrauch. 
Grade bei der Annahme des gothischen Styls zeigt sich recht 
deutlich, wie sehr ihnen Construction und Ornamentation aus- 
einauderfallen. Sie acceptiren Beides, aber jedes unter andern 
Bedingungen; die Construction unter der einer Vereinfachlnrg, 
die Ornamentation unter der des freiesten Gebrauchs. Jene war 
ihnen nur das praktische Mittel solider Ueberwölbung und eines 
regelmässigeren Baubetriebes, diese eine willkommene Bereiche- 
rung ihres decorativen Vorraths, ein neues und pikantes Formen- 
spiel, das sie nach Laune und Belieben und mit verschwenderi- 
scher Fülle anwendeten, ohne sich um constructive und rationelle
        

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