Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-969787
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Italienische 
Gothik. 
In allen andern gothischen Bauten Italiens zeigt sich eine Kennt- 
niss der spätern Entwickelung dieses Styls in den nordischen 
Ländern, welche die Meister aus andern Quellen geschöpft haben 
mussten. Aber in vielen Beziehungen blieb doch die Auffassung 
des Meisters von Assisi maassgebend; er hatte den richtigen Ton 
getroffenund die Grenzen, innerhalb welcher die italienische Auf- 
fassung stehen bleiben müsse, mit fester Hand bezeichnet. 
Der unbedingten Einführung dieses Styls standen denn doch 
Gründe aller Art entgegen. Zunächst äusserliche; die alte und 
klimatisch berechtigte Gewohnheit flacher Dächer, die herge- 
brachte und dem Zwecke genügende 'l'rennung des Glockenthurms 
von der Kirche, ferner der Reichthum edeln Marmors, Welcher 
durch die tiefen Schatten gothischer Gliederung an seinem Glanze 
verloren haben würde und sich zu flachen Verzierungen eignete, 
und endlich die damit zusammenhängende Gewöhnung an einen 
Farbenwechsel in horizontalen Lagen. Dazu kam dann aber das 
wichtigere innere Hinderniss einer ganz andern Geschmacksrich- 
tung. Die fast pedantische Consequenz statischer Entwickelung 
eignete sich nicht für diesen heitern Himmel und das leichtlebende 
Volk dieses Landes. Während die Meister der französischenSchule 
vor Allem nach constructiver Wahrheit strebten und die ästhe- 
tische Wirkung von ihr erwarteten, betrachtete der Italiener die 
Form sogleich als Ausdrucksmittel und sonderte die Schönheit von 
der statischen N othwendigkeit. Während jene dem Beschauer 
zumutheten, den Gliederungen im Einzelnen zu folgen, um so den 
Eindruck des Ganzen zu gewinnen, wollte dieser ohne Aufenthalt 
geniesseu und forderte daher einfache, leicht fassliche Verhältnisse. 
Während man dort die Stützen häufte, um. sie möglichst leicht, die 
Räume beschränkte, um sie hoch und schlank bilden zu können, die 
Fenster weit öffnete, um das Licht zu mehren, forderte das süd- 
liche Gefühl breite, bequeme Räume, schattende Mauern und kleine 
Fenster, die das Eindringen der Sonne verhindern. Allen diesen 
sind, wo diese fehlt und sie daher auf dem Boden ruhn. Dass sie "bloss des 
Abhanges wegen enichtet" seien, wie Burckhardt, Gicerone S. 130, annimmt, 
passt höchstens auf eine Seite, da auf der andern eine ebene Strasse liegt, und 
auch da ist der Abhang nur der Basis der Strebebögen, nicht dem Gebäude 
nahe, so dass es dieses sonderbaren Mittels nicht bedurfte.
        

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