Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-962120
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Weltleben. 
Ablösung von kirchlichen Beschränkungen begünstigte  
Bisher war jedes Schauspiel ein neues Ereigniss, zu welchem 
man die Mitagirenden erst einüben musste; bei dieser wachsen- 
den Vorliebe fanden sich dann aber auch bald Personen, Welche 
aus der Schauspielkunst mehr oder weniger ein Gewerbe mach- 
ten. Im vierzehnten Jahrhundert zog schon durch die franzö- 
sischen Städte eine Gesellschaft angeblich aus dem gelobten 
Lande kommender Pilger, welche die Passion darstellten, und 
im Anfange des fünfzehnten wurden in Paris sogar mehrere Ge- 
sellschaften privilegirt, und zwar mit einer bemerkenswerthen 
Theilung der Gegenstände, die confrairie de la passion für „My- 
sterien", heilige Gegenstände, die clercs de la Bazoche für soge- 
nannte Moralitäteu, Stücke allegorischen Inhalts, endlich sogar 
die enfans sans souci für Farcen und Sottiseu. Indessen war 
das eigentlich künstlerische Element bei diesen Spielen ein sehr 
geringes. Die Mitglieder jener Gesellschaften machten daraus 
nicht einen Lebensberuf, sondern waren Handwerker und 
Schreiber, welche ihre Künste nur bei festlichen Veranlassungen 
producirten, und vor Allem war, wie der ziemlich grosse Vor- 
rath solcher dramatischen Werke uns erkennen lässt, ihr poeti- 
scher Werth nicht gross; dazu reichte überall die Entwickelung 
des psychologischen Elementes nicht aus. Sie enthalten wohl 
komische oder auch zarte und liebenswürdige Züge, aber von 
Charakteren ist noch keine Spur und die Ereignisse sind so 
grob motivirt, dass man unwillkürlich an Marionetten und an die 
sichtbaren Fäden denkt, von denen sie bewegt werden. Diese 
dramatische Literatur bestätiget also die Wahrnehmungen, die 
wir schon bei Betrachtung der Allegorie gemacht haben, und 
dient zur Erklärung der Vorliebe für diese. Man vermochte noch 
nicht Charaktere zu zeichnen, sondern nur wie auf beigehefteten 
Spruchzetteln zu benennen. Dann aber hängt diese Erscheinung 
ferner zusammen mit der unermüdlichen Schau- und Vergnü- 
Ü Monmerquä et Michel, Thäatre franguis au moyen age, Paris 1839.  
Das früheste Schauspiel: le jus Adam, enthält nur eine Reihe lose verbun- 
dener Volksscenen, in welchen der Verfasser, Adam der Buckliche aus Arms 
(T 1240], seine Lebensschicksale sehr rückhaltlos zum Besten giebt. Die 
legendarischen Stücke aus dem vierzehnten Jahrhundert sind mehr dramatisch-
        

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