Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-962111
Dramatische 
Kunst. 
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Haupthergängen der heiligen Geschichte, welche durch Oster- 
und Weihnachtsspiele zur Anschaulichkeit gebracht wurden, 
wagte man nun auch Parabeln und Legenden zu dramatisiren, 
und selbst bei jenen heiligsten Gegenständen fand man Gelegen- 
heit, leichtere und sogar burleske Scenen einzumischen, etwa so, 
dass man im Osterspiele die Frauen zum Einkaufe der Salben 
auf den Markt gehen und nun den Quacksalber mit seinem 
Narren allerlei derbe Schwänke sprechen liess. Indessen be- 
hielten diese Spiele dennoch immer den kirchlichen Charakter, 
indem bei den geeigneten Momenten die lateinischen Hymnen 
gesungen wurden, und dass durch diese Behandlung die reli- 
giöse Wirkung nicht litt, beweist schon die Nachricht, dass bei 
einer Darstellung der Parabel von den klugen und thörigten 
Jungfrauen, welche im Jahre 1322 im Wildpark bei Eisenach 
von Schülern und jungen Klerikern gegeben wurde, ein Mark- 
graf von Meissen durch die Klagen der thörigten Jungfrauen 
und durch die Fruehtlosigkeit der Fürbitte der Maria so erschüt- 
tert wurde, dass er in Wahnsinn fiel  In Deutschland blieb 
es in dieser Epoche bei solchen kirchlichen Spielen, obgleich sie, 
wie dieses Beispiel und die erhaltenen Handschriften beweisen, 
an Lebendigkeit der Darstellung zugenommen hatten; in Frank- 
reich ging die angeborene dramatische Neigung schon einen 
Schritt weiter und löste sich völlig von der Kirche ab. Es fanden 
sich Volksdichter, welche komische Hergänge ohne Anknüpfung 
an die kirchliche Feier dramatisch behandelten, und nachdem ein 
Mal Bahn gebrochen war, wurden im Laufe des vierzehnten 
Jahrhunderts diese Darstellungen immer häufiger; namentlich 
gaben die Legenden einen reichen, für romantische Ausbildung 
und Einmisghung komischer Nebenpersoncn sehr geeigneten 
Stoff, bei welchem gerade die fromme Tendenz eine grössere 
Ü Die oft angeführte Nachricht beruht auf dem Chronicon Sanpetrinum 
bei Mencken Scr. rer. Germ. III, p. 326; das "grosse thüringische Mysterium 
von den zehn Jungfrauen" ist jetzt handschriftlich entdeckt und von Ludwig 
Bechstßin, Halle 1855, herausgegeben. Andere deutsche Schauspiele dieser Zeit 
gaben heraus Mone, Altdeutsche Schauspiele (1841) und Schauspiele des Mit- 
telalters (1846), Holfmann, Fundgruben, Bd. II, Schönemann, zwei nieder- 
äßlltäChe Schauspiele, Hannover 1855. Vgl. als neue, sehr lesbare Uebersicht 
Dr. Karl Hase, das geistliche Schauspiel, Leipzig 1858.
        

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