Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-962061
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Weltleben. 
thume oder aus arabischen Quellen erhalten waren, wurden daher 
jetzt hervorgesucht und unzählige Male copirt und neu bearbeitet. 
Allein die Fabel nimmt ihre Bilder am liebsten aus der Thier- 
welt, das Gleichniss zeichnet flüchtig und duldet kein gründ- 
liches Ausmalen, beide deuten ihre Lehren nur an, ohne sie in 
bestimmte Begriffe zu fassen und namentlich in solche , welche 
man den überlieferten Lehren anreihen und auf die sittlichen 
Verhältnisse der Gesellschaft anwenden konnte. In allen diesen 
Beziehungen war die Allegorie vorzuziehen; sie gab bestimmte, 
unzweideutige Begriffe, räumte auf und ordnete, gab zugleich 
ein festes Bild und zwar einer menschlichen Gestalt, und übte, 
beide zu verbinden und in Handlung übergehen zu lassen. Sie 
war in der That die künstlerisch am meisten vollendete und har- 
monische Gattung, welche diese Zeit besass und erwarten 
konnte. Dazu kamen dann freilich noch andere Gründe; in 
Italien brauchten Dante, Petrarca und Boccaccio die Allegorie, 
um den wieder aufsteigenden antiken mythologischen und histo- 
rischen Gestalten eine Berechtigung auf christlichem Boden und 
in christlicher Dichtung zu geben, in unsern nordischen Ländern 
kam ihr zu Statten, dass sie das Gepräge des Vornehmen und 
Gelehrten an sich trug und sich der 'l'heilnahme der unteren 
Volksklassen entzog. 
Denn allerdings war der Vorrang der höhern Stände auch 
auf diesem Gebiete bedrohet; während diese mehr und mehr in 
Weitschweifigkeit und Pedanterie verfielen, regte sich unter 
Bürgern und Bauern eine ähnliche Sangeslust, wie vor zwei- 
hundert Jahren in den ritterlichen Kreisen, ein Jugendgefühl, das 
ihnen die Brust schwellte, und sie trieb, ihre Schicksale und 
Empfindungen mit der geheimnissvollen Hülfe des Reimes und 
des Tones sich anschaulich zu machen. Man sang auf Wegen 
und Stegen, hinter dem Pfluge und in den Werkstätten, und das 
beliebte Lied wanderte jetzt durch Städte und Dörfer, wie sonst 
von einem Schlosse zum andern. Es klang wohl anders wie 
jene ritterlichen Minnelieder, aber es stand ihnen an Wärme des 
Gefühls und psychologischer Tiefe nicht nach. In vielen Bezie- 
hungen steht das Volkslied in vollem Gegensatze gegen die 
Allegorie, wenn diese weitschweifig und trocken, ist jenes
        

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