Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-962051
Allegorie. 
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naivem, aber fliichtigem Blicke. Das hörte jetzt auf; die Miss- 
griffe und Missverhältnisse, an denen man überall Anstoss nahm, 
forderten Abhülfe, die nur durch genauere Beobachtung der 
natürlichen Verhältnisse gewonnen werden konnte. Man wollte 
daher beobachten und sich der Resultate bewusst werden, fand 
aber sofort, dass das nicht leicht sei. Man musste erst sehen 
lernen, sich erst gewöhnen, die bewegten Bilder des Lebens zu 
fixiren, sich von den Details der Erscheinung, von ihren Bewe- 
gungen und Xieränderungen Rechenschaft zu geben. Diese Ue- 
bung wurde eine Lieblingsbeschäftigung der Zeit und daher auch 
eine Aufgabe der Poesie. Daher denn zunächst die Vorliebe für 
Beschreibungen. Bei der Ueberarbeitung der alten Heldenge- 
dichte, wo der psychologische Stoff "in seiner Idealität weiterer 
naturalistischer Ausführung sich entzog, hielt man sich wenigstens 
an die N ebendinge; Tracht, Waffen, Geräthe, Gebäude wurden 
mit einer freilich dem poetischen Zwecke nicht günstigen und 
für die Ungeduld moderner Leser kaum erträglichen Genauigkeit 
ausgemalt. Daneben aber entstanden in allen Ländern Dich- 
tungen, welche psychologische Hergänge nach dem Leben zu 
schildern versuchten. So wuchern in Frankreich die Novellen, 
Fabliaux, Contes und ähnliche leichte Reimereien, welche gesell- 
schaftliche Ereignisse mit mehr oder Weniger Talent und Nai- 
vetät erzählen; in Deutschland sind die langathmigen Lehrge- 
dichte oft nur sehwerfällige Rahmen für eine Sammlung von 
Anekdoten; in England zeigt Chaucefs berühmtes Gedicht 
schon die nationale Gabe tiefer, humoristischer Charakteristik. 
Aber im Ganzen konnten diese Versuche wenig befriedigen; 
selbst die besseren zeigen die Schwäche des psychologischen 
Blickes. Die moralischen Thatsachen sind entweder wie Räthsel 
und Wunder unerklärt gegeben, oder die Motive so grob, so 
isolirt und widerstandslos wirkend dargestellt, wie es sich mit 
der Organisation der menschlichen Seele nicht verträgt. Es ist 
ein roher Dilettantismus, Welcher der gebildeteren Welt nichts 
gewährte. Grössere Gunst verdienten daher die Gattungen, 
Welche Bild und Gedanken gesondert, aber eben deshalb schärfer 
begränzt enthalten, wie die Fabel und das Gleichniss; alle 
Sammlungen solcher lehrhaften Erzählungen, die aus dem Alter- 
VI. ö
        

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