Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-962042
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Weltleben. 
welche in unsern Tagen auch das geduldigste Auditorium in Ver- 
zweiflung setzen würde, die aber damals Bewunderung erregte. 
Die Allegorie enthält die Elemente der bildenden Kunst, Bild 
und Gedanke, aber in einer eigenthümlichen Verbindung; sie hat 
für uns, die Neueren, wenig Reiz, weil wir an wirkliches orga- 
nisches Leben gewöhnt, den allegorischen Figuren unwillkürlich 
die geliehene Körperlichkeit abstreifen und die nackten Begriffe 
übrig behalten, die uns ohne solche Verkleidung lieber gewesen 
wären. Es ist daher für unser V erständniss der damaligen Kunst 
wichtig, die fast leidenschaftliche Vorliebe für die allegorische 
Form, Welche in dieser Epoche ihre Höhe erreichte und sich, 
wenn auch abnehmend und traditionell, Jahrhunderte lang erhielt, 
näher zu betrachten und ihren Ursachen nachzuforschen. Eine 
solche Vorliebe deutet allemal auf einen Zustand der Erkenntniss, 
wo ihr Begriffe und Anschauungen nicht auf einem Wege, son- 
dern von zwei getrennten Seiten her zukommen und einer nach- 
träglichen Verbindung bedürfen. Daher finden wir sie zum ersten 
Male in der Zeitdes Ueberganges vom klassischen Heidenthume 
zum Christenthume, indem man den hergebrachten, aus der heid- 
nischen Naturauifassung stammenden Vorstellungen christliche 
Gedanken unterlegte. Im eigentlichen Mittelalter erhielt die Alle- 
gorie sich zwar, aber doch nur als eine harmlose Spielerei der 
Gelehrten in ihren lateinischen Gedichten, ohne grosse populäre 
"Wirkung. Jetzt trat eine zwiefache Aenderung ein. Die scho- 
lastischen Begriffe, welche in ihrer festen Ausprägung schon an 
und für sich wie geistige Einzelwesen erschienen und sich leicht 
zu Personiiicationen gestalteten, kamen nun an Laien, welche sie 
zwar mit Begierde aufnahmen, aber unfähig waren, sie ohne 
sinnliche Anschauung festzuhalten. Die Allegorie wurde daher 
ein Mittel leichter, spielender, gesellschaftlicher Belehrung. Dazu 
kam aber ein zweiter, wichtigerer Umstand, nämlich das verän- 
derte Verhältniss zur Natur. Dass die Allegorie im früheren 
Mittelalter, ungeachtet der scholastischen Denkweise, nicht grös- 
seres Glück gemacht hatte, lag hauptsächlich an dem mangelnden 
Interesse für die Natur in ihren Details; man betrachtete sie als 
ein symbolisches Spiegelbild geistiger Ideen, als etwas Gege- 
benes , aber weiterer Durchdringung nicht Bedürfendes, mit
        

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