Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-962033
Allegorie. 
63 
dieser süsslichen und künstlichen Poesie grosses Gefallen zu 
linden, aber auch weder naiv noch zart genug, um nach der Weise 
der alten Minnesänger eigne Schicksale und Gefühle im Liede 
auszutönen. Das persönliche Element verlor sich daher auch hier 
aus der Dichtung und man zog es vor, Frau Minne selber auf- 
treten zu lassen, oder im Walde der Jungfrau Treue zu begegnen, 
die auf Erden keine bleibende Stätte hat und suchend umherzieht, 
und War also auf demselben Wege wie dort. Dazu kam dass 
bei dem Verstummen des Adels bürgerliche Sänger sich lauter 
vernehmen liessen, Schulmeister, Geistliche, halbgelehrte Laien, 
welche dann auch bürgerlich nützliche, lehrhafte Stoffe wählten, 
ihre Weltansicht vortragen, rügen und belehren wollten, und für 
diese prosaische Aufgabe einer poetischen Einkleidung bedurften, 
wie sie die Allegorie bot. Zu so ausgeführten Handlungen wie 
im Roman von der Rose kam es dabei nicht. Man begnügte sich 
Tugenden und Laster persönlich auftreten und sprechen zu lassen, 
etwa wie in der „'l'ochtei' von Syon", WO bei der Vorbereitung 
der sehnsüchtigen Seele zur himmlischen Hochzeit Verstand, 
Glaube, Zuversicht, Minne, Gebet u. s. f. ihren guten Rath geben. 
Qder es kam eine einfache symbolische Handlung hinzu, wie in 
Heinrichs von Müglen „Buch der Maide", wo die Wissen- 
schuften, denn das sind die Maide, nachdem sie vor Kaiser 
Karl IV. über den Vorrang gestritten haben, durch den. Ritter 
Sitte in das Land der Natur geführt und da über den Vorzug der 
Theologie belehrt werden  Man sieht, es handelt sich dabei 
überall um abstracte Gedanken, an denen nichts poetisch ist als 
die Allegorie und bei denen man das Versmaass sehr füglich 
sparen konnte. Das geschah denn auch häufig, ja die Allegorie 
wurde so sehr allgemeine Redeform, dass die trockenstenAbhand- 
hingen, selbst juristische Parteivorträge, diesen Schmuck nicht 
gern entbehrten. Poesie und Allegorie wurden gleichbedeutend, 
so dass der Redner und Schriftsteller dann Wohl um Erlaubniss 
bittet, „more poetico" nach Poeten Sitte zu verfahren, um etwa 
wie Jean Petit in seiner obenerivähnten Schutzrede für den Herzog 
von Burgund Dame Convoitise oder ähnliche Gestalten auftreten 
und mit einer Weitschweifigkeit reden und handeln zu lassen, 
a) Gervinus, Gesch. a. a. Nut. Lit. 1. Aufl. 11. 149, 154.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.