Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961993
Mystik 
und 
Kunst. 
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drucke von Seelenreinheit und Innigkeit, der fast die Gränzen 
des Körperlichen überschreitet. Aber schon die Mystiker konn- 
ten sich auf jener luftigen Höhe nicht lange halten und kehrten 
überall auf einen mehr greifbaren und allläglicheren Boden zu- 
rück; Susois Visionen gestalteten sich zu lieblichen, darstell- 
baren Bildern, Nicolaus wurde zu scharfsinniger, moralischer 
Beobachtung und zur Einwirkung auf Andere gedrängt, die 
Liebeswärme, mit der sie alle Nahen lmd Fernen sich zuwen- 
deten, musste allmälig das Auge mehr und mehr für Leben und 
VVahrheit öffnen, und die Mystik wurde endlich zu einer Schule 
der Erfahrung, Welche, im Gegensatze zu der früheren Buch- 
Weisheit und allgemeinen Betrachtungsweise, auf das Individuelle 
und auf das Geheimniss des psychischen Lebens in der physi- 
schen Existenz hinwies. Dies Alles trat dann noch mehr bei den 
Malern ein, ihre idealen Gestaltern belebten sich mehr und mehr, 
bekleideten sich mit den Zügen lieblicher Jugend und Schönheit, 
so dass zuletzt das scheinbare Abwenden von der Natur gerade 
zu ihr hinführte. Beide, Mystiker und Künstler, gingen dann 
auf diesem XVege weiter. Während Gerhard Groote und seine 
Schüler gleich von vorn herein bescheidener und praktischer auf- 
traten , mit der Aufgabe tieferer Selbsterkenntniss und nützlicher 
Arbeit begannen und die Mystik mehr in die Breite des Lebens 
übertrugen, folgt ihnen die Kunst auf dem Fusse, und neben 
jener ersten, strengeren Schule erhebt sich , und zwar in dem 
Vaterlande dieser niederdeutschen Mystik, eine zweite, Welche 
mit bescheideneren, aber doch nicht ganz aufgegebenen Ansprü- 
chen an Idealität näher und unmittelbarer auf die reale Wirklich- 
keit eingeht. 
Dazu kam nun der Gang der weiteren geschichtlichen Ent- 
wickelung. Das lange ersehnte Concil trat endlich zusammen, 
die Kirche war aufs Neue einheitlich und in imposanter Gestalt 
repräsentirt, und diese Erscheinung, so gering die wirklichen 
Resultate Waren, so wenig es zu der gründlichen Reformation 
all Haupt und Gliedern kam, so viel Menschliches sich gerade 
an ihr dem Näherstehenden zeigte, genügte doch für die Menge, 
die froh war, der Besorgniss der Kirchenspaltung und der 
Pflicht eigener Prüfung übel-hoben zu sein. Die Welt ging vor-
        

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