Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961963
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Religiöse 
Zustände. 
danken der mystischen Doctrin unverkennbar sind k]. Selbst. die 
noch grellere Erscheinung der Tanzwuth, welche, im Jahre 
1374 vom Oberlande kommend, am Niederrhein die Leute er- 
griff, so dass halbnackte Schaaren aus beiden Geschlechtern auf 
öffentlichen Plätzen und selbst in Kirchen in wilden Tänzen um- 
hersprangen, bis sie unter Krämpfen mit lautem Geschrei zu 
Boden fielen im), wird einen mittelbaren Zusammenhang mit der 
Mystik haben. 
Allein ebenso wie hier nach der krankhaften und diabo- 
lischen Seite können wir ihre Spuren auch bis in die ruhige, 
kirchliche Frömmigkeit hinein verfolgen. Viele, die nicht so tief 
ergriffen waren, um sich ganz den Gottesfreunden anzu- 
schliessen, fühlten sich doch von ihrer Liebeswärme, von ihren 
frommen Gedanken, ja selbst von den phantastischen Vorstel- 
lungen erbaut oder angeregt, und empfingen bleibende Ein- 
drücke, Welche sie in die kirchliche Frömmigkeit übertrugen. 
Schon den oberdeutschen Mystikern, namentlich 'l'auler's Pre- 
digten, dürfen wir eine solche weitere Wirksamkeit zuschreiben, 
lmd wenn hier die allzustrengen Anforderungen, gewisse excen- 
trische Aeusserungen, endlich der über Eckhardfs Lehren ge- 
sprochene Bann und die Verfolgungen Viele zurückschreckten, 
so ging die Schule des Gerhard Groote ganz in die kirchliche 
Ordnung über und trug jene Lehren in so geläuterter und gemil- 
derter Gestalt vor, dass nur eine liebens- und wünschenswerthe 
Innigkeit übrig blieb, deren mystischer Ausdruck wohl zu all- 
gemeiner Verbreitung geeignet war. Einen Beweis für diese 
Verbreitung geben die zahlreichen handschriftlichen Andachts- 
bücher in niederdeutschei" Sprache, Welche sich in unseren Bi- 
bliotheken finden, indem fast in allen Gebete vorkommen, Welche 
statt an die Jungfrau Maria oder an den Heiland an die göttliche 
Weisheit gerichtet sind, oder die Bitte um Entwerdung, um die 
Gnade völliger Hingabe und Selbstverleugnung, mit Ausdrücken 
Ü Sie sangen unter Anderem: Ich bin entworden, der zumal entgeistet 
ist, der mag nicht sorgen.  Mit bilden mag ich nicht ummegehn, meins 
selbst muss ich ledig sein.  Da wird man von der Andertheit gefreit und 
gehet in das Wesen ein. Wackernagel, das deutsche Kirchenlied. 
w) Gieseler a. a. O.  219.
        

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