Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961942
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Religiöse 
Zustände. 
schwärmerischer Gluth ist die milde Wärme inniger Frömmig- 
keit und Nächstenliebe, an die der mystischen Schauung Gottes 
die Nachfolge Christi getreten. 
Als eine dritte Stelle auf deutschem Boden, wo die Mystik 
tieferen Einfluss gewann, ist Böhmen zu nennen; die ersten, 
deren Predigten eine tiefere religiöse Wirkung hervorbrachten, 
Conrad von Waldhausen, Milic und besonders Mathias von 
Janow (i- 1394), stammten, wie dies ihre Aeusserungen und 
Schriften beweisen, aus der Schule des Meister Eckhardt oder 
seiner Nachfolger. Aber die Anlage des slavischen Stammes 
und die isolirte Stellung desselben neben Deutschen und unter 
einer deutschen Regierung gab der religiösen Erregung eine po- 
litische Färbung, so dass die Wärme des frommen Gefühls statt 
nach innen belebend zu Wirken, als verheerende Flamme nach 
aussen hervorbrach. 
Auch ausserhalb Deutschlands iinden wir vielfache Spuren 
mystischer Regungen, nur dass sie Weniger tief begründet waren, 
und daher leicht erloschen oder eine andere Richtung nahmen. 
Selbst in Italien hatte Nicolaus von Basel Geistesgenossen ge- 
funden; einige der „grossen Gottesfreunde", welche in "der 
Schweiz zusammenkamen, stammten von daher; ein Frater 
Venturini von Bergamo war ein eifriger Verehrer und Corre- 
spondent Taulers. Indessen erhielt das mystische Element, wie 
wir später sehen werden, hier einen mehr äusserlichen, theils 
praktischen, theils künstlerischen Charakter. In Frankreich 
hatte es etwas tiefere YVurzeln. Schon der Umstand, dass die 
meisten unserer (leutschexl Mystiker, Eckhardt, Tauler, Gerhard 
Groote und Andere in Paris studiert hatten, deutet darauf hin, 
dass die Schule der Victoriner noch nicht ausgestorben war. 
Sogar der berühmteste Theologe Frankreichs, der Kanzler der 
Universität Paris, Johann Charlier genannt Gerson, war inso- 
weit Mystiker, dass er gegen die Aeusserlichkeit des Cultus 
und die Trockenheit der Dogmatik kämpfte und ein höheres, von 
Liebe durchleuchtetes Wissen verlangte, welches er selbst theo- 
logia mystica nennt. Allein das ist in der That nur eine Ver- 
bindung scholastischer Theologie mit wahrer Frömmigkeit, und 
gegen alle religiösen Erregungen und Anschauungen, die nicht
        

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