Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961930
Fraterhäuser. 
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Klöster ohne äusseren Zwang und äusseren Dienst, ohne Besitz 
und ohne den Ehrgeiz geschlossener Körperschaften, Familien 
ohne natürliche Beziehungen und Weltliche Wünsche, mit dem 
Ernst einer frommen und männlichen Genossenschaft. Als tüchtige 
Schulen wissenschaftlicher Bildung und wegen ihrer sittlichen 
Haltung wurden diese Brüderhäuser so beliebt und gesucht, 
dass sie bald fast in allen bedeutenden Städten desnörtllichen 
Deutschlands bestanden und sich bis in den Anfang des sechs- 
zehnten Jahrhunderts erhielten. Neben ihnen und in Verbindung 
mit ihnen standen ähnliche Schwesterhäuser und dann auch Klö- 
ster regulirter Chorherren, in deren einem Thomas von Kem- 
pen lebte. Auch bei diesem ist derEinfluss jener oberdeutschen 
Mystiker noch erkennbar, er braucht ähnliche Worte, fordert 
Einziehung der Sinne, gänzliches Ausgehen aus sich selbst. 
Aber das sind ihm nicht mystische Gedanken, sondern sittliche, 
erreichbare Aufgaben, "Sinnenhut und Herzenshut", damit die 
eiteln und unreinen Bilder der Welt nicht eingehen und die Seele 
ungestört nach innen blicken könne. Den XVerth des äusseren 
praktischen Lebens schlägt er sehr hoch an; als er zum Schaff- 
ner seines Klosters ernannt ist, betrachtet er in seinen Aufzeich- 
nungen den Segen solches Amtes, da niemand wisse, wie es 
innerlich um ihn stehe, Wenn er sich nicht mit zeitlichen Dingen 
abgebe; nur solle Maria nicht neben der Martha vernachlässigt 
werden. Auf den Wunsch seiner Ordensbrüder hat er das 
Leben einer Zeitgenossin, Lidowina, beschrieben, die auf drei 
und dreissigjährigem Krankenlager durch fromme Geduld und 
thätige Menschenliebe, aber auch durch Gesichte und Extasen 
Bewunderung erregte inid für heilig gehalten wurde. Aber er 
will das Urtheil über diese Erscheinungen Reiferen überlassen 
und schliesst damit, dass die Gebete der Demüthigen Gott und 
dieser heiligen Jungfrau besser gefielen, als das Ergrübeln von 
Höherem oder das unverständige Schwatzen von den Geheim- 
nissen Gottes. Sich selbst sagt er bei asketischen Uebungen, 
dass Gott nicht die Zerstörimg des Leibes, sondern die Bezwin- 
gung sündlicher Neigungen fordere. Statt jener dunkelen An- 
fordernng gänzlichen Entwerdens giebt er also die Anweisung 
zu der sittlichen Arbeit der Selbstüberwindung, an die Stelle
        

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