Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961884
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Die 
deutschen 
Mystiker. 
und lässt sie dabei gelegentlich dem Beichtig'er gegenüber auf- 
treten; daraus aber entwickelt sich das Bild ihres weiteren Fort- 
schreitens, ihrer Schicksale in ganz dramatischer Weise. Er 
lässt sie in Demuth und Isleiligung wachsen, ilach ihren Leiden, 
nach ihren VVanderungen immer wieder zurückkehren, endlich 
in ihren Verzücknngeil den Himmel sehen, so dass sie nun den 
Lehrer weit überflügelt hat, und ihm von den höchsten Dingen 
Auskunft geben kann. Darlehen geht zwar die Aufzählung der 
abslracten Begriffe fort, aber sie bilden nur Ruhepunkte, gleich- 
sam die Zivischenacte in dem Drama, welches das [Iauptinter- 
esse in Anspruch nimmt, und dessen Interlocutoren, unter denen 
er anfangs sich und sein Beichtkiml selbst gemeint zu haben 
scheint, späterhiil offenbar den Gegensatz der gemeinen, uner- 
leuchteten Doctrin gegen die mystische Anschauung repräsen- 
tiren. Man sieht, wie mächtig die Einbildungskraift in dieser 
Schule ist, da sie selbst über ihren strengsten Meister so grosse 
Gewalt übt. Noch viel stärker ist sie dann bei dem rittcrbür- 
tigen Snso, der in die Erzählung seiner geistigen Kämpfe stets 
den Ermunterungsruf: YVaffen!  und auch sonst Anspielungen 
auf ritterliche Verhältnisse einmiseht, der die göttliche TVeisheit 
völlig in der WVeise der Minnesänger feiert, bei dem sich eine 
Vision an die andere reiht. Kann man sich wundern, wenn bei 
dieser Gewohnheit sowohl bildlicher Sprache als bildlicher Of- 
fenbarungen beides sich mischte, wenn Männer wie Nicolaus 
von Basel, welche Einsicht und Beruf zur Leitung der Anderen 
zu haben glaubten, indem sie ihre Rathsehläge in Bilder klei- 
deten, selbst nicht mehr wussten, 0b sie 'l'räume oder Allegorien 
vortrugen? Es war das nicht sowohl ein ltlangel an eigener 
Wahrhaftigkeit, sondern ein der ganzen Zeit gemeinsamer 
Mangel des Begriffes objectiver Wahrheit, der wieder mit der 
grossen Lebendigkeit der Phantasie zusammenhängt. Man war, 
wie in der conventionellen Ritterlichkeit und in der Scheingelehr- 
samkeit der Scholastik, überall mit Halbwahrem zufrieden, stets 
1'] Der freilich auch sonst im vierzehnten Jahrhundert als ein Ruf des 
Erschreckens und nach Hiilfe vorkommt, z. B. als Ausruf der thöligten Jung- 
frauen im Drama. Vergl. Bechstein, das grosse thüringische Mysterium oder 
das geistliche Spiel von den kl. und th. Jungfrauen, Halle 1855.
        

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