Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-967658
Schlussbemerkung. 
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des Sinnes für die freieren Linien des individuellen Lebens 
voraus. Fragen wir aber nach der Ursache dieser der Kunst 
ungünstigen Richtung, so geben uns, glaube ich, die schon an- 
geführten Thatsachen genügende Antwort; sie lag in der Ge- 
schichte und in der durch diese bedingten Aufgabe der englischen 
Nation. Sie war nicht wie die deutsche aus einem Stamm, nicht 
wie die romanischen Völker durch völlige Vermischung zweier 
Volksstämme erwachsen, sondern erst jetzt in einer Zeit reiferen 
Bewusstseins gewissermassen durch ein Compromiss gebildet. 
Der Gegensatz von Sachsen und Normannen war nicht völlig 
verschwunden, sondern nur als Verschiedenheit der Stände und 
durch gegenseitige Achtung der Rechte geregelt und gemildert, 
und die relative Einung beider Stände beruhete auf dem stärkeren 
Gefühle des gemeinsamen Gegensatzes gegendas Ausland, der 
jetzt eben sich kräftig geltend machte. Die neue Nation lebte 
daher in Verhältnissen, Welche eine nüchterne Beachtung der 
XVirklichkeit, die Achtung fremder Rechte, aber auch die YVahr- 
nehmung des eignen V orlheils forderten und zur Pflicht machten; 
sie durfte die Gegensätze nicht vermischen, sich nicht idealen 
'l'räumen hingeben, sondern War auf rechtliche Schärfe und 
politische und merkantilische Klugheit angewiesen. Dies war 
ihre Aufgabe, Welche immer mehr zur Neigung und Gewohnheit 
wurde und der alles andre nachstellen musste. Daher das Vor- 
herrschen aristokratischer Gesinnung, die an Härte gränzende 
Strenge, die vorsichtige, abgemessene Haltung bis zum Scheine 
steifer Kälte, das Wohlgefallen an äusseren Zeichen des Ranges, 
an conventionellen, leicht zur Caricatur gesteigerten Sitten, an der 
Ueberladung des Costüms, und endlich die Neigung, diese For- 
men für wichtiger zu halten als Natur und Schönheit und sie 
rücksichtslos in die Kunst zu übertragen. Daher dann ferner das 
Vorherrschen des historischen Elementes über das religiöse, und 
eines gewissen, mehr bürgerlichen als natürlichen Realismus 
über ideale Motive, und endlich die Wüfdlgflng der Kunst als 
eines Gegenstandes nicht sowohl der Thätigkeit, als des Besitzes, 
und die Neigung sie vom Auslande als eirie fernhergeholte und 
deshalb kostbare Waare, zu lkallfvtßn- zllnafihst berührten diese 
ungünstigen Umstände mehr die Gouner der Kunst als die Künst- 
VI. 40
        

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