Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-967575
Grabmonunlenlte. 
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aber es hängt doch von der Verschiedenheit nationaler Stimmun- 
gen ab, in wie weit die Kunst es für ihre Aufgabe hält, sie zu 
erwecken. Auf dem Continente suchte man vielmehr noch in 
dieser Epoche "aus der Fülle der Gedanken und Emptindungen, 
welche der Tod giebt, die weichen. rührenden, tröstenden her- 
auszuheben, und durch den Ausdruck des Verstorbenen oder 
durch die beigefügten heiligen Gestalten auch in den Beschauern 
anzuregen. Das brittische Volk hatte andere Bedürfnisse, seine 
Frömmigkeit war ernster, strenger, gesetzlicher. Die Väter hat- 
ten sich noch im Tode mit der Hand am Schwerte abbilden las- 
sen, die Söhne und Enkel fanden es zwar anständiger, sich in 
frommer Ergebung, mit gefalteten Händen zu zeigen; aber diese 
Ergebung war die eines militärischen Gehorsams, der auf Frei- 
willigkeit nicht Anspruch macht, sondern schweigend und mit 
[lnterdrückung des eigenen Gefühles folgt. Die volle Entwicke- 
lung aller weltlichen Standesehre, welche der aristokratische Sinn 
der Britten für nothwendig hielt, war zwar nur eine Rechtsver- 
wahrung des Verstorbenen für sich und seine Nachkommen, 
aber sie stand doch im Gegensatze mit den weicheren Gefühlen 
völliger Hingabe, sie erinnerte an die Herrlichkeit der Welt über- 
haupt und an den herben Gegensatz ihres Glanzes und der Nacht 
des Grabes. Dieser Gegensatz, der gerade wegen der Sprödig- 
keit des normannischen Sinnes dem englischen Volke in der 
Geschichte seiner Könige und Grossen so oft und so ergreifend 
vor Augen trat, beschäftigte es schon frühe. In ihm lag für das- 
selbe die Poesie des Todes, die es auch auf den Grabsteinen 
suchte. Aber die bildende Kunst hatte dafür kein anderes Mittel, 
als jene Steifheit, und so kam es, dass man gerade diese suchte 
und selbst in der geistlosen Leerheit, wie sie die Messingarbeiter 
lieferten, ertrug, ja vielleicht mit einer gewissen Erbauung be- 
trachtete. 
Freilich trug dann aber zu dieser Erstarrung der Grabge- 
stalten der allgemeine Verfall der Sculptur bei, der unleugbar in 
dieser Epoche eintrat, wenn gleich sehr viel langsamer. Am 
Anfange der Epoche finden wir sie noch auf der Höhe, die sie in 
der vorigen erreicht hatte. Die Statuen von Wells und die Re- 
liefs des Engelchores in der Kathedrale von Lincoln wurden
        

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