Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-966877
Grabsteine. 
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kürzerem Oberrocke, die Stirnbintle mit in Mastix nachgeahmten 
Edelsteinen, das llaupt wie gewöhnlich auf einem Kissen, die 
Füsse auf dem Löwen ruhend, mit gefalteten Händen, auf dem 
vollen Gesichte ein naives kindliches Lächeln, das mit der Gra- 
besruhe contrastirt und die Beschauer dieser Grüfte zu fesseln 
pflegt. Auch unter den ritterlichen Gestalten der königlichen 
Familie sind einige in ihrer Art sehr schön; alle ruhig und 
schlicht gehalten, das Kostüm einfach, im Kettenharnisch mit 
weitem faltigen Oberkleide, das kurze Schwert und den lilien- 
besäeten Schild an der Seite, das Haupt unbedeckt, das Haar 
vorn kurz geschnitten, seitwärts in den bekannten geringelten 
Locken her-abfallend, die Züge des glattrasirten Gesichts männ- 
lich edel und kräftig, nicht ohne Individualität. Das Bild des 
Grafen von Etampes  1336) ist das schönste dieser Art, die 
Gestalt hier, wie häufig, von Weisscm, die Platte von schwarzem 
Marmor. Grabsteine von ähnlichem Verdienst, natürlich meistens 
in geringerem Stoffe, auch wohl statt des Reliefs nur in den Stein 
eingegrabene Zeichnung, haben sich noch zahlreich in allen Ge- 
genden Frankreichs erhalten; besonders zeigen die weiblichen 
Gestalten, mit dem milden frommen Ausdrucke des schönen Ge- 
sichtes, der edlen Körperhaltung, den reinen Linien der Gewän- 
der die Kunst dieser Zeit im günstigsten Lichteic), während die 
männlichen oft Tiefe und Energie vermissen lassen. 
Diesen Mangel empfinden wir dann noch bestimmter an den 
kirchlichen Sculptnren, Welche wir freilich nicht in so gross- 
artigen Gruppen und nicht so zahlreich, wie aus der vorigen 
1') Vergl. oben S. 386 die Abbildung der drei Hauptgestalteir aus einer 
grossen Sandsteintufel in N. D. von Chalons-sur-Marne, nach Didron Annales 
arch. III, 284, jedoch mit Weglassung der sehr reichen architektonischen Ein- 
rahmung und der darin angebrachten Nebengestalten. Es ist eine Mutter zwi- 
scheu zwei erwachsenen 'l'öclrtern, von denen die eine verheirathet, die andere 
als Nonne verstorben war, das letzte Todesjahr 1338. Die Innigkeit der drei 
schönen, schlanken Figuren, die Wendung der Töchter zur Mutter ist zart und 
ergreifend. Die beiden Weltdamen zeigen die Eigenthiimlichkeit, dass das 
Hermelinfutfer ihrer Mäntel Wappenschildei- bildet; übrigens ist die 'l'racht, 
besonders im Gegensatze gegen die der Damen auf englischen Gräbern, einfach 
und geschmackvoll. Ein männliches, ritterliches Grabbild aus St. Thibault bei 
Scmur bei Ilidron a. a. O. V, 193. 
35 1'
        

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