Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-966261
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Böhmische 
Schule. 
Körperbildung noch immer Spuren jenes böhmischen Typus, 
aber schon gemildert durch stärkere Einflüsse der deutschen 
Schule, welche bald auf die Kölner, bald auf die Nürnberger 
Schule hinweisen, und zugleich mit einem Bestreben nach Natur- 
Wahrheit und Individualität, das sich besonders bei den darin 
vorkommenden Bildnissen des Kaisers und seiner Gemahlin und 
des Erzbischofs, in sehr entsprechender Weise äussert. Die 
Hintergründe der Vignetten sind noch in Blattgold oder farbig, 
nicht in landschaftlicher Ausbildung, wohl aber kommen Bäume, 
Gebäude, Gemächer in guter Ausführung vor und besonders 
zeigt sich der Naturalismus in der Anwendung des Zeitcostüms 
und naiver Züge, in der Bibel sogar durch derbe, dem Ge- 
schmacke des Kaisers angepasste Frivolitäten. Das böhmische 
Element erkennt man besonders in den Köpfen und in der Mo- 
dellirung, dagegen sind die Gestalten schlanker, die Hände besser 
gezeichnet , die Falten weicher. Vor Allem aber ist die harmo- 
nische Behandlung der Farben besonders in den letzten beiden 
Handschriften ausgezeichnet. 
Es ist möglich, dass die böhmische Malerei auch im Grossen 
ähnliche Fortschritte des 'l'echnischen und Naturalistischen ge- 
macht hat wie in den Miniaturen, und dass die Hussitenkriege, 
welche nur das entlegene Karlstein verschonten, uns die Beweise 
dafür entzogen haben. Allein es ist wahrscheinlicher, dass auch 
hier wie so häufig dem Aufschwunge ein Stillstand folgte. Die 
ltligeilthümlichkeit der böhmischen Schule, die derbe Einfachheit 
und Allgemeinheit, zeigt sie mehr nach dem Grossartigen und 
Ehrwürdigen, als nach dem Anmuthigen gerichtet, und vertrug 
sich nicht wohl mit der tieferen Ausbildung des Individuellen und 
Natürlichen, zu der die Strömung der Zeit hintrieb. Auch be- 
gann schon bald nach dem Tode Karls unter der schlaffen Regie- 
rung seines Sohnes die religiöse und nationale Gährung, welche 
die Gemüther von der Kunst ablenkte.   
Auch von einem Einflusse dieser thätigen Schule auf an- 
dere, namentlich auf die benachbarten, bisher fast kunstlosen und 
dabei mehr oder weniger slavischen Länder, der schon durch die 
Herrschaft Karls IV. vermittelt werden konnte, lassen sich nur 
geringe Spuren nachweisen. So zeigen die Miniaturen eines
        

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