Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961720
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Religiöse 
Zustände. 
steiung begann. Er ging dabei so weit, dass 'l'auler, sein 
Beichtvater, „seines Hauptes", also für seine körperliche und 
geistige Gesundheit, fürchtete, und ihm diese Uebungen für eine 
gewisse Zeit untersagte. Dann begann er den Kampf aufs 
Neue; er ringt mit Krankheit und allerlei Anfechtungen, er betet 
Tag und Nacht; er unterwirft sich Gottes Willen, bittet ihn, 
sich nicht an sein VViderstreben zu kehren, nicht zu thun, was 
seine arme sündige Dlatm begehre  Bald wirft ihm der 'l'eufel 
alle seine grossen und kleinen Sünden, versäumte Zeit und 
schwache Minne vor, und entzündet ihn zu solchem Hass gegen 
seinen Leichnam, dass er denselben bis auf das Blut geisselt. 
Dann kommen aber Wieder übernatürliche Freuden, die so über- 
sehwenglich gross sind, ilass sie über die sinnliche Vernunft 
hinausgehen. Und dies whlinnespiel" trieb, wie Ruolman in der 
Beschreibung der „vier Jahre seines anfangenden Lebens" er- 
zählt, unser lieber Ilerre gar viel mit ihm, bis er dann endlich 
zue innerem Frieden gelangte, wo er, von nichts Irdischem mehr 
angefochten, sein beschauliches Leben mit wachsender Glau- 
bens- und IaiBbCSkrilFl tbrtsetzte. Bald darauf schrieb er ein 
mystisches Buch: „die neun Felsen", in welchem er die dama- 
lige Verderbniss der Christenheit schildert; die neun Felsen sind 
nämlich Stufen der Reinigung, auf welchen Einzelne empor- 
klimmen und sich so vor den Angriffen des bösen Feindes 
retten, der im 'l'hale die Menge des Volkes in der Fluth ihrer 
Sünden unter gewaltigem Netze gefangen hält. Man Würde es 
für eine künstlich ersonnene Allegorie halten, der Verfasser 
stellt es aber, ohne Zweifel mit Lleberzeugung, als ein Gesicht 
dar, welches ihm von Gott ungeachtet seines furchtsamen Wi- 
(ierstrebens geworden, und das er „von Gott bezwungen" nie- 
derschreiben müssen. Einige Jahre später öffnet sich ihm eine 
andere 'l'hätigkeit; 'l'räu1ne und Visionen, die nicht blos ihm, 
4'] Ich kann mir nicht versagen, das schöne Gebet mit Ru0lman's eigenen 
Worten hieher zu setzen: Min herre und min gott, mine natuoren ist dis 
leiden gar widerwvertig, harumbe so bitte ich dich, dass du dich nut daran 
kerest und dass du nut duost also mine arme sundige natuore heissende oder 
begerende ist, follebring du dinen allerliebesten willen, es si miner natuoren 
liep oder leit, es tuon ir wol oder we. Schinidt, Gottßsfreuxlde.
        

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