Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961704
Religiöse 
Zustände. 
Seele, die Einung mit Gott, also wie wir sagen würden die 
VViedergeburt, nicht ob, sondern wie sie geschehen könne, zu 
diesem Zwecke Untersuchungen über das Wesen Gottes und 
der Seele, das sind die ausschliesslichen Gegenstände seiner 
Predigt. Seine Lehre, wenn ich versuchen darf, sie mit we- 
nigen Worten anzudeuten, ist etwa folgende: Gott ist das All- 
gemeinste, aber auch das Einfachste; das Allgemeinste, denn 
nur Er ist, was nicht Gott ist, ist nicht; aber auch das Ein- 
fachste, denn er hat eben keine Mannigfaltigkeit, sein VVesen 
ist einfältige Lauterkeit. Daher kann er sich auch nur mit dem 
Einfachen vereinen, nicht mit der Seele in ihrem natürlichen Zu- 
stande. Denn hier lebt sie nur in den „Kräften", in den Sinnen, 
im Verstande, die nur von anssen empfangene Bilder haben, und 
zwar so , dass sie an diese Kräfte gebunden ist, mit dabei sein 
muss, wo dieselben wirken. Sie tliesst daher mit ihnen hin, 
zerfliesst nach aussen, weiss nur von der Aussenwelt, nicht von 
sich selbst. Will die Seele mit Gott, dem höchsten Gute, ver- 
eint, will sie selig werden, so muss sie die Kräfte heimrufen, 
sie aus der Zerstreutheit zu einem inwendigen Wirken sammeln, 
sich von allen Dingen, von aller Eigenschaft, von sich selbst 
entblössen. Diese Anforderung wiederholt er stets. Fleuch, 
sagt er ein Mal, und verbirg dich vor dem Gestürme auswen- 
diger Worte und inwendiger Gedanken. Er erzählt seinen Zu- 
hörern die Geschichte eines nheidnischen Meisters" , des Archi- 
medes, der so in seine Studien vertieft war, dass er den Ruf des 
plünderndeil Soldaten nicht hörte, als ein Beispiel, wie wir uns 
sammeln sollen, um die einige ewige Wahrheit zu schauen. Du 
sollst, sagt er ein anderes Mal, schweigen und Gott lassen 
wirken und sprechen. Es soll ein Unwissen sein, aber nicht 
der lUIangel des Wissens, nicht thierische Unwissenheit, sondern 
ein überformet Wissen, in welchem die Seele aus ihrer creatür- 
lichen Weise herausgegangen ist, und sich zurückgezogen hat 
in die Einsamkeit ihres innersten Grundes, in tiefes Schweigen, 
in die Finsterniss der Mitternacht. Dann kann sie sich Gott 
auftragen, sich ihm mit ganzer Treue und ganzer Minne über- 
lassen, dann kehrt Gott zu ihr ein, wird mit ihr ein einiges Eines, 
in welchem der Sohn geboren wird und der heilige Geist blühet.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.