Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-965834
Naturalistische 
Fortschritte. 
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Stoffes wiederholt sichtbar ist. Dies alles giebt denn oft der Ge- 
wandbehandlung einen Reiz, welcher die Anmuth der Gestalten 
erhöht, ist auch in anderen Fällen nicht ohne statuarische Würde, 
aber die Schönheit der Linie, welche zu dem idealen Charakter 
der früheren Bilder so viel beitrug, wird dadurch gestört und der 
Sinn dafür geht mehr und mehr verloren. Auch in der Anord- 
nung der Compositionen treten Aenderungen ein; in gewisser 
Beziehung geht die neue Generation mehr ins Breite, in anderer 
wird sie knapper. Während ihre Vorgänger gern nur wenige 
,Gestalten zusammenstellten, gerade nur soviel, wie zur Darstel- 
lung des Geilankens erforderlich Waren, liebten die jetzigen Mei- 
ster eine grössere Vollständigkeit der N ebcnpersonen, theils Weil 
dies dem Begriffe von V ornehmheit entsprach, Welcher sich mehr 
und mehr dem der Heiligkeit unterschob, theils aber schon aus 
einer naturalistischen Freude an zufälligen Verschiedenheiten. 
Andererseits mussten sie sich schon manche Freiheiten ihrer 
Vorgänger versagen; wenn diese sich alles erlaubten, was den 
Gedanken verständlicher machen konnte, wenn sie daher oft 
gleichzeitige oder bezügliche Vorgänge mitten in dem Gold- 
grunde Wie auf einer Insel in kleinerer Dimension zeigten, z. B. 
bei dem Bilde der Geburt oben einen kleinen Hirten mit Flöte 
und Lamm und auf ihn zufliegend den Engel, waren diese schon" 
zu realistisch, um sich solche Naivetät zu gestatten. Sie stellten 
ihre Figuren meist auf ebenem Boden auf, so dass der goldene 
oder goldgemusterte Hintergrund bis zu diesem Boden ging, was 
bei statuarischen Gestalten ohne Nachtheil war, bei historischen 
Compositionen aber nöthigte, zur Verhütung häufigen Durch- 
scheinens des Goldgrundes die Gruppen dicht zu halten, wodurch 
dann die Linie des Gesammtumrisses , diein den älteren Bildern 
oft so sehr sprechend ist, an Bedeutung verlor. Bald aber fing. 
man an, offenbar um Raum für die Nebengestalten zu gewinnen 
und vielleicht zuerst bei den Darstellungen der Kreuzigung, einen 
hohen Augenpunkt anzunehmen, so dass der Boden sich nach 
hinten zu wie amphitheatralisch erhob, zahlreiche Gruppen hinter 
und über einander zeigte, und oben in Berglinien abschloss, über 
denen nur ein schmaler Streif des noch immer die Stelle des 
Himmels vertretenden Goldgrundes blieb. Bei Hergängen im
        

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