Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961665
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Religiöse 
Zustände 
auch die Herzen herstellen und erneuern, dass er die Gläubigen 
zu tieferer Einkehr erwecken wollte 7 
S0 fassten es viele fromme Seelen in allen Ländern der 
Christenheit auf; aber freilich mit merklichen Verschiedenheiten. 
In Frankreich und England, WO die Völker im Kampfe gegen- 
einander sichals Nationen fühlen lernten, nahm auch die reli- 
giöse Sorge einen politischen Charakter au. Die theologische 
Facultät von Paris, welche dort an die Spitze der Bewegung 
trat,_ verlangte wohl grosse durchgreifende Reformen, hielt aber 
streng an der bisherigen hierarchischen Ordnung und an der 
scholastischen Orthodoxie fest, und betrachtete individuelle Re- 
gungen des frommen Gemüthes mit Misstrauen. Die politische 
Klugheit, mit welcher sie die religiöse Bewegung leitete, gab 
der ganzen, ohnehin von scholastischem Geiste durchdrungeuen 
Nation eine gemässigte, verständige Haltung. 
In England trat zwar Wiklef kühner und durchgreifender 
auf; seine Bibelübersetzung, seine eigene Wirksamkeit als 
Volksredner und die Aussendung seiner Schüler als Reisepre- 
diger zeigt, dass er tieferes Glaubensleben anregen wollte und 
Neigung und Fähigkeit dazu in seinem Volke vorfand. Aber 
auch er war doch zunächst scholastischer Theolog und kirch- 
licher Opponent, der mehr von philosophischen und kirchen- 
rechtlichen Sätzen, als von religiösen Bedürfnissen ausging, und 
jedenfalls war in der Nation das politische und praktische Ele- 
ment rorherrschend. Als der gleichzeitige Bauernaufruhr mit 
seinen commlmistischen Irrlehren die Gefahr lairchlicher Neue- 
rungen gezeigt hatte, schlossen sich die Verständigen enge an 
einander an und kämpften nur gegen die Gelderpressungen und 
Anmaassungen der Curie, oder gegen den Luxus und die Sitten- 
verderbniss der Geistlichen, ohne sich auf tiefere, geistige Re- 
formen einzulassen t). 
Bei beiden Völkern bildete die nationale Einheit ein Mittel- 
glied zwischen der Kirche und dem Einzelnen; der Druck der 
 Ein Beispiel dieser Slnnesändenmg giebt der Herzog von Lancaster, 
der, früher WiklePs Beschützer, jetzt gegen Gerson den conservativen Sinn 
der Pariser Hochschule rühmte- Vergl. Gerson bei Neander, Kirchangesch. 
VI, S- 120, Anm. 3.
        

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