Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961651
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Zweites 
Kapitel. 
Religiöse 
Zustände. 
Man darf nicht glauben, dass der Verfall der Kirche von einer 
Abnahme der Frömmigkeit verursacht oder begleitet worden; er 
fand vielmehr schon bei seinem Beginne eine Wachsende Innig- 
keit des religiösen Gefühls vor und steigerte dieselbe immer 
mehr. Die zunehmende Verstandesbildung gab schärfere Beob- 
achtung, das leidenschaftlich bewegte Leben grössere WVärme 
und XVeit-hheit des Gefühls; dem festlichen Rausche folgten 
Stunden der Einsamkeit. in denen das Gewissen lauter sprach 
und die Sehnsucht nach Sühne und Erlösung erwachte. Freilich 
war die Sittenverderbniss der Geistlichkeit eine offenkundige 
'l'hatsache und ein Gegenstand des Aergernisses; aber dieses 
Schauspiel ängstigte die Gemüther nur noch stärker , je mehr die 
Kirche gefährdet erschien, desto fester klammerte man sich an 
sie an; der Glaube der Völker stützte und trug sie , Während sie 
selbst sich aufzugeben schien. Mehr als je drängte sich die 
Sleuge zu den Altären, Zahl und Pracht der kirchlichen Stif- 
tungen bezeugten die zunehmende Opferwilligkeit aller Stände. 
'l'ieferen Gemüthern genügte aber diese äusserliche Andacht 
nicht; ernste Männer beschäftigten sich eifrig mit dem Gedanken 
gänzlicher Reform der Kirchenverfassung, andere gingen weiter. 
YViirde eine solche Reform die verderbte WVelt hergestellt 
haben? Wenn immer aufs Neue und immer vergeblich Schre- 
cken des Todes das lärmende Treiben des Tages unterbrachcn, 
wenn Seuchen die Städte entvölkerten, Krieg und Zwietracht, 
Hungersnoth und Erdbeben wütheten, Wtlrßll ßS Ilißlli Müllh- 
stimmen des göttlichen Gerichts für jeden Einzelnen? SOlliE 
man da nicht glauben, dass Gott nicht blos die Kirche, sondern
        

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