Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-965436
Zunehmender Naturalismus. 
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frommen Luxus, der sich wie jeder andere Luxus in dieser Zeit 
ungemein steigerte. Schon bei geringeren Werken dieser Art, 
wie sie wohlhabende Privatleute ankauften, wurden daher zu den 
meistens auch nur in geringer Zahl vorkommenden Bildern vollere, 
kräftigere, stärker aufgetragene Farben genommen und zu mög- 
lichst weicher Verschmelzung vertrieben. Man entdeckte dabei 
bald, dass die bisher übliche Federzeichnung Härten gebe und die 
Harmonie störe, suchte sie immer leichter und unmerklichei- zu 
machen und führte endlich das ganze Bild mit dem Pinsel aus, 
wodurch man denn der Einheit, in der das Auge die Natur sieht, 
sehr viel näher gekommen war und unwillkürlich die Tendenz 
zu weiterer naturalistischer Ausbildung erhielt. Am stärksten 
äusserte sich dies bei den Andachtsbüchern für fürstliche Per- 
sonen, bei denen solche Bücher ganz in die Kategorie anderer 
Kostbarkeiten traten, deren reichen Besitz man als eine Standes- 
pfticht und Ehrensache betrachtete. Sie erhielten daher pracht- 
volle, oft mit Edelsteinen und Perlen geschmückte Einbände und 
sollten auch in ihrem Innern die höchste Kostbarkeit zeigen. Die 
seltensten und theuersten Farbstoffe, Gold, Azur, edles Both, 
winden daher zu den Bildern verwendet, und die Ausführung, 
damit sie so edles Material nicht verderbe, nur den bewährtestexi 
Künstlern anvertraut, welche dann mit allem Aufwande ihrer 
Kräfte und Mittel dahin strebten, ihre Gönner zu befriedigen. 
Alle jene Ansprüche auf Weichheit der Farbe und Schattirung, 
sowie auf Harmonie des Ganzen wurden daher hier noch gestei- 
gert, und es war schon bald nach der Mitte des vierzehnten Jahr- 
hunderts dahin gekommen, dass die besseren Miniaturen nicht 
mehr wie sonst colorirte Federzeichnungen, sondern wirklich 
harmonisch durchgeführte Gemälde waren. Bei dieser grossen 
technischen Vollendung musste man aber sehr bald eine geistige 
Leere bemerken. Der Reiz, den die Illustrationen in der beleh- 
renden und unterhaltenden Literatur hatten, fiel bei diesen allbe- 
kannten und oft gesehenen Gegenständen fort, die Tiefe der 
Empfindung aber, durch welche die 'l'afelmalerei diese immer 
aufs Neue zu beleben wusste, liess sich in den Dimensionen und 
mit den Mitteln der Miniaturmalerei nicht gut erreichen und Würde 
auch den Zwecken der vornehmen Besitzer kaum entsprochen 
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