Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-965251
Grabsteine. 
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oder die Schrift hält; Ritter halten meist ihre Waffen, Helm, 
Schwert oder Schild, oder lassen die eine Hand auf der Brust 
ruhen; für Frauen und Bürger ist die Form des Gebetes mit auf 
der Brust gefalteten Händen die beliebteste, doch kommen auch 
andere vor. Eine bewegte Haltung des Bestatteten, wie im 
zwölften und dreizehnten Jahrhundert wäre gegen das Anstands- 
gefühl der Zeit gewesen und die Erfindung anderer Stellungen, 
etwa der des Kniens, war noch nicht gemacht und würde eben- 
falls dem Gefühle der Zeit nicht entsprochen haben. Aber un- 
geachtet dieser Einftirmigkeit wurde die Grabsculptur eine Wich- 
tige Schule der Kunst, indem sie im Gegensatze gegen die Ueber- 
schwenglichkeit des Gefühlsaustlruckes und die damit verbundene 
von der Natur abweichende Forinbildung hier auf schlichte 
Naturtrene hinwies. Eine Stelle des Chronisten Ottokar von 
Hornek ist in dieser Hinsicht sehr belehrend. Er erzählt näm- 
liche) von einem Meister, welchem Rudolph von Habsburg noch 
bei seinem Leben die Anfertigung seines im Dome zu Speyer auf- 
zustellenden Denkmals übertragen habe. Derselbe habe sich die 
Züge des Kaisers so eingeprägt, dass er selbst die Runzeln auf- 
zählen können. Da nun aber der Kaiser immer älter geworden 
und er erfahren habe, dass die Runzeln sich gemehrt hätten, sei 
er demselben nach dem Elsass, wo er sich befand, nachgereist, 
habe ihn genau angesehen und demnächst das Fehlende auf dem 
Bilde nachgetragen. Das Grabmal ist bekanntlich zerstört; der 
Chronist aber, obgleich er versichert, dass keiner je ein Bild ge- 
sehen habe, das einem Manne so geglichen, missbilligt diese 
übertriebene Genauigkeit und nennt sie „einen albernen Sitt". 
Wir sehen also schon im dreizehnten Jahrhundert einen An- 
spruch auf Naturähnlichkeit, die aber in höchst kleinlicher Weise 
aufgefasst und mit sehr unvollkommenen Mitteln, durch DIOSSCS 
Anschauen und mit Hülfe des Gedächtnisses, erstrebt wird. Im 
Laufe des vierzehnten Jahrhunderts Wachsen nun zwar sowohl 
die Anforderungen der Künstler als ihre Fähigkeit zu natürlicher 
Individualisirung, zugleich wird aber auch die Sitte immer steifer 
und conventioneller und fordert an den Grabbildern der Vorneh- 
men immer unerlasslicher eine strenge abgemessene Haltung und 
Ü] Petz, Script. rer. Austr. V01. VIII. 
v1. 25
        

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