Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-965223
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Plastik. 
Kunst nur die schon typisch ausgeprägten Gestalten unmittel- 
barer Andacht und auch bei diesen nur die Erregung frommer 
und besonders sanfter, beruhigender Gefühle. Die Gelegenheit 
zur Ausbildung neuer Charaktere und Gedanken war also der 
Kunst so gut wie entzogen, und selbst unter den hergebrachten 
Gestalten des Glaubens war sie vorzugsweise, ja fast ausschliess- 
lich auf das WVeiche, Zarte, Weibliche angewiesen. Die Gestalt 
der jungfräulichen Gottesmutter war so sehr das höchste Ziel der 
Kunst, dass alles Andre sich ihr unterordnete, möglichst ihr ent- 
sprechend gestimmt sein musste. Für die Malerei war dies nicht 
im gleichen Grade nachtheilig; sie konnte sich freier bewegen, 
entweder die Vorstellung himmlischer Freude und Seligkeit wei- 
ter ausbilden, welche sich zwar an den Begriff der milden, schö- 
nen Gnadenspenderin knüpfte, aber in der sie doch nur der Mit- 
telpunkt, nicht alles in allem war, oder das ebenfalls weibliche 
Element des weichen, in Rührung auflösenden Schmerzes tiefer 
erfassen, die Gestalt des leidenden Erlösers mehr in die Mitte 
rücken. Die Plastik war zu dieser Tiefe des Gefühlsausdruckes 
noch nicht reif und musste sich begnügen, jene weichen herrschen- 
den Gefühle an den ruhigen Gestalten und besonders an der Gestalt 
der Jungfrau immer stärkerund befriedigenderauszudrücken. Diese 
Einförmigkeit der Aufgaben war nun zwar nicht völlig so nach- 
theilig, wie es der Ungeduld unserer Tage erscheint; sie schärfte 
vielmehr den Blick und lehrte die Künstler in diesem engen Kreise 
immer mehr in die Tiefe zu gehen, wie denn wirklich einige die- 
ser Madonnen von ausserordentlieher Schönheit sind. Aber in 
Verbindung mit der zünftigen Stellung der Kunst führte sie doch 
dahin, sie gegen die günstige Einwirkung neuer Gedanken zu 
verschliessen und in einer untergeordneten Sphäre festzuhalten. 
Dazu kam denn endlich, dass die Sculptur bei ihrem engen Zu- 
sammenhnnge mit der Baukunst auch durch ihren Verfall litt und 
den Sinn für die Schönheit der Linien und Verhältnisse, für 
Massen und Beleuchtung, für die Unterordnung des Einzelnen 
unter das Ganze mehr und mehr einbüsste. 
Indessen traten diese Mängel doch hauptsächlich nur bei 
grösseren Statuen, welche auf architektonische und religiöse 
Würde und Feierlichkeit Anspruch machen, hervor, während an
        

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