Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961624
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Einleitung. 
Schriftsteller selten im Zusammenhange, sondern haschte nur 
nach einzelnen Sätzen, die man den beabsichtigten Schlüssen 
unterlegen konnte. Da aber diese Autoritäten auch wohl ein- 
ander widersprachen, so bedurfte man einer höchsten entschei- 
denden Autorität, zu welcher sich niemand mehr eignete, als 
Aristoteles, sowohl durch seinen alten Ruhm als durch seine 
zahlreichen Schriften und durch die Menge thatsächlichen Stoffes, 
den er verarbeitet. Indessen liess man sich auch nicht nehmen, 
andere berühmte alte Schriftsteller zu citiren, und da alle diese 
Autoritäten zuletzt denn doch nicht unfehlbar waren, gewöhnte 
man sich mehr und mehr daran, das Gewicht der Argumente 
durch ihre Menge zu ersetzen und die Citate und Autoritäten 
möglichst zu häufen, um dadurch den Schein allseitiger Zustim- 
mung zu dem behaupteten Satze hervorzubringexi. So kam ge- 
rade in dieser Zeit, WO sich im Volksliede und in der An- 
schauung der Laien das Gefühl frischer und kräftiger regte, in 
der Wissenschaft und in Allem, was irgend mit ihr zusammen- 
hing, die Gewohnheit der hohlsten Weitschsveifigkeit und Tro- 
ckenheit auf. Es ist fast unglaublich, wie Weit man darin ging. 
Der Magistrat zu Berlin fängt eine Polizeiverordnung über den 
Fleischhandel der Juden damit an, dass er Aristoteles „im ersten 
Buche der Städteregierung" zum Beweise der grossen Wahrheit 
citirt, dass der Mensch unter allen 'l'hieren das vornehmste sei, 
und König Karl V. von Frankreich, in einem Hausgesetze vom 
Jahr 1374, beruft sich, um die Bestimmung des Grossjährig- 
keitstermines seiner Nachkommen zu begründen, nicht blos auf 
eine stattliche Reihe alttestamentarischer, macedonischer und 
fränkischer Könige, sondern schliesslich auf einen Vers aus der 
Liebeskunst des Ovid. Hier ist diese Sucht antiker Citate nur 
eine unschuldige Geschmacklosigkeit, in anderen Fällen aber 
konnte sie auch leicht gemissbraucht werden, um durch Anwen- 
dung antiker Begriffe auf christlich-germanische Verhältnisse 
das moralische Gefühl zu verwirren und abzustumpfen. Was 
man mit dieser unklaren Gelehrsamkeit Wagen konnte, zeigt vor 
Allem die berüchtigte Rede, in welcher im Jahre 1408 der 
Doctor der 'l'hcol0gie, Jean Petit, zu Paris vor allem Volke mit 
Zwölf, zur Ehre der Apostel aufgestellten Gründen und mit zahl-
        

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