Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-965153
Vortheile 
der 
scheinbaren 
Mängel. 
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artige Empfindungen die Gemüther erregen, und namentlich einer 
religiös bewegten Zeit, wo alle Gefühle den Ausdruck frommer 
Hingcbung annehmen. Für eine solche Zeit erlangt dann die 
Kunst durch jene typische Bildung den grossen Vorzug höchster 
Einheit des Körperlichen und Geistigen. Der Körper hat keine 
selbstständige Bedeutung, die Seele schaut nicht blos an ein- 
zelnen Stellen aus ihrer körperlichen Hülle heraus, sondern 
durchleuchtet sie ganz. Selbst die Mängel und Unvollkommen- 
heiten verlieren dadurch ihr Anstössiges, weil sie mit dem Be- 
streben des Künstlers nach recht innigem Ausdrucke zusammen- 
hängen, uns die Wärme des andächtigen Gefühls versinnlichen 
und in gewissem Grade dazu beitragen, die Unterordnung des 
Körperlichen unter das Seelische auszudrücken. Man kann darin 
vielleicht eine Verwandtschaft mit der asketischeil Auffassung 
des früheren Mittelalters im Gegensatze gegen die derbere und 
freiere Haltung des dreizehnten Jahrhunderts finden  und aller- 
dings hatte die religiöse Stimmung, wie wir an den Mystikern 
gesehen haben, wieder mehr eine asketische Färbung. Aber im 
Leben wie in der Kunst ist doch der gewaltige Unterschied die- 
ser neueren Asketik von der früheren nicht zu verkennen, dass 
der Körper jetzt nicht einem äusserlichen Gesetze, sondern nur 
dem eigenen Gefühle dienstbar gemacht, gewissermassen durch 
dasselbe verklärt wird; wo dort Zwang, ist hier Freiheit. Wäh- 
rend daher jene ältere Kunst sich im Schreckenden gefiel, ist die 
jetzige ganz von dem Streben auf höchste, über-irdische Schön- 
heit, auf Anmuth und Liebreiz erfüllt; sie mögte uns in ein Reich 
der Liebe und Freude, in ein Paradies führen, wo das sehnende 
Herz nur Liebenswerthes, Reines und Heiliges findet, wo es 
sich ohne Rückhalt ölfnet, WO alles Hässliche und Feilldlißlle 
verschwunden ist, alles Spröde und Kalte schmilzt und die Spu- 
ren menschlicher Schwäche und Unvollkommenheit nur dazu 
dienen, durch ihren Gegensatz die Wonne himmlischer Seligkeit 
zu erhöhen. Und dies gelingt den besseren Meistern dieser 
"Ü Darauf beruhete es, wenn man vor Jahren bei der Entdeckung der 
Kölner Schule ihr den Namen der vbyzantinischmiederrheinischen" gab, den 
jetzt Niemand vertheidigen wird. Man dachte bei dem Worte byzantinisch 
nur an das Asketische, von dem man hier einen Anklang fand.
        

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