Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-965104
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Plastik 
und 
Malerei. 
und der Parallelismus der Details. Man kann darüber in Zweifel 
sein, ob der architektonische Verticalismns auch die bildnerischen 
Gestalten ergriffen oder ob das moralisch-ästhetische Gefühl auch 
auf die bauliche Form eingewirkt hat, gewiss ist aber, dass die 
einzelnen Künste noch incht die Selbstständigkeit haben, wie in 
der neueren Zeit. Sie empfangen noch alle gemeinschaftlich den 
Einfluss des ganzen Zeitgeistes, nur dass derselbe wie früher der 
Architektur, so jetzt den darstellenden Künsten günstiger ist, 
dass er jetzt jene über ihre Gränzen hinaus und durch das TVu- 
chern plastischer und malerischer Motive ihrem Verderben ent- 
gegen führt, wie er früher diese in den architektonischen Gränzen 
beschlossen hielt. Auch von dieser Beschränkung blieb noch ein 
Ueberrest bestehen; die darstellende Kunst fühlte sich noch nicht 
stark genug, den Schutz und die Leitung der Architektur zu ent- 
behren; sie giebt ihre Gestalten nicht leicht ohne architektonische 
Einrahmung und sucht die natürliche Bildung geometrischen 
Formenzu nähern, die des Gesichts dem Oval, die des Körpers 
geraden, gebrochenen oder geschweiften Linien. Sie kannte noch 
keine andere Regel als die architektonische. Von wirklichen 
Naturstudien, selbst von objectiver Beobachtung ist noch überall 
keine Spur, Auge und Gefühl sind wohl empfänglicher für die 
natürliche Erscheinung, aber mehr im poetischen als im bildneri_ 
sehen Sinne, mehr für moralische, und zwar naive und annluthige 
Aeusserungen, als für die Körperbildung an sich. Die Künstler 
zeichnen ihre Gestalten nach überlieferten Regeln und Vorbildern, 
sie bestreben sich zwar, sie immer mehr zu beleben, aber dies 
geschieht nach einem unsicheren Instincte oder doch nur nach 
flüchtigen Wahrnehmungen. Das Traditionelle und Phantasti- 
sche ist noch immer vorherrschend, das Charakteristische fast 
gar nicht, das Psychologische sehr wenig entwickelt. Die Ge- 
stalten haben durchweg eine Familienähnlichkeit, Welche der na- 
türlichen Mannigfaltigkeit nicht entspricht und selbst den feine- 
ren [Tnterschieden der Altersstufen und Geschlechter nicht ge- 
recht wird. Der Typus der Körper ist übermässig schlank, mit 
schmaler Taille und Weicher Biegung über den Hüften, der Kopf 
meist gross, die Gewänder, deren dichte Falten in langen ge- 
schwimgenen Linien bis auf die nur mit den Spitzen hervorra-
        

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