Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-964525
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Deutsche 
Gothik. 
organischem Leben erfüllt; alle möglichen Arten verschiedener 
Bögen, runde und spitze, flache und steile, einfache und ge- 
schweifte wechseln und neben dem Reichthum und der Kraft- 
fülle des Ganzen fällt die Diirftigkeit und Magerkeit gewisser 
Details und Profilirungen auf. Auch im Inneren herrscht dieselbe 
Ungleichheit; an den Pfeilern stehen neben tiefen Höhlungen 
dünne Dienste ohne oder mit schwachen Kapitälen, und die 'l'ri- 
forienbildung ist fast roh. Es mag indessen sein, dass die impo- 
santen Verhältnisse (125 Fuss Höhe unter Gewölbsehluss) für 
diese Mängel entschädigen würden, wenn nicht das spätere Netz- 
gewölbe und die noch spätere, sehr verunglückte Uebermalung 
den Eindruck verkümmerten. 
War Peter von Gmünd bei diesem seinem ersten Werke 
an den Plan seines Vorgängers gebunden und dadurch beengt, 
so sehen wir ihn bei einem zweiten, dem Chorbau der Bartho- 
lomäuskirche zu Kollin, den er schon 1360, also nicht lange 
nach seiner Ankunft in Böhmen begann, in völlig freier Bewe- 
gung. Er hatte ein dreischiffiges Langhaus vor sich, das auf 
romanischer Grundlage am Ende des dreizehnten oder Anfang 
des vierzehnten Jahrhunderts von einem deutschen Meister erbaut 
war, von grosser Schönheit, mit fast gleich hohen Seitenschiffen 
aber von mässigen Dimensionen, nur 21 Fuss Mittelschiff breite. 
An diese war er gebunden, aber durchweg in so beschränkten 
Verhältnissen zu bleiben, konnte er sich nicht eutschliessen. Er 
behielt daher bei seinem mit einem Kapellenkranze versehenen 
Plane zwar die Höhe der früheren SeitenschiHe für den Umgang 
bei, führte aber das Mittelschiff bis auf 100 Fuss Höhe, also fast 
zum Fünifachen seiner Breite, hinauf, und erreichte dadurch eine 
Schlankheit ohne Gleichen. Seine technische Meisterschaft be- 
währte er dadurch in glänzendster Weise, aber freilich auf Ko- 
sten seines Vorgängers, dessen edles Werk er geradezu ver- 
nichtete, und mit völliger Verzichtleistung auf innere Einheit, 
da auch sein eigener Chor doch nur als ein Fragment eines 
kolossalen Domes erscheint. Auch sonst zeigt die Anlage die 
Neigung zu künstlichen Verhältnissen; so ist der innere 
Chorschluss durch vier Seiten des Achtecks gebildet, so 
dass in der Mitte hinter dem Altare eine freie Säule zu stehen
        

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