Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-964471
Böhmen. 
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Eine hervorragende Stelle in der Baugeschicilte des vier- 
zehnten Jahrhunderts nimmt Böhmen ein, das Slavenland im 
Herzen Deutschlands. Ein einsichtigei" Zeuge, der nachherige 
Papst Pius II., der bekanntlich im Anfange des fünfzehnten Jahr- 
hunderts in Deutschland war, steht nicht an, es allen anderen 
Reichen Europas voranzustellen. Keines, schreibt er, ist in un- 
serem Zeitalter durch so viele, so erhabene, so prachtvolle Kir- 
chen bereichert worden. Ihre Grösse, ihre mächtigen Gewölbe, 
ihre ganze gen Himmel strebende Erscheinung, den Goldglanz 
ihrer hochgestellten Altäre, die Farbenpracht ihrer hohen und 
weiten Fenster findet er bewundernswerth. Und dies, fügt er 
hinzu, nicht blos in grossen Städten, sondern selbst in Dör- 
fern öc). Freilich haben die Jahrhunderte, die Hussitenkriege 
und der restaurirte Katholicismus die Dichtigkeit dieser Bau- 
schätze bedeutend gelichtet, aber es ist doch noch genug erhalten, 
um dieses Zeugniss zu bestätigen. Einen Antheil an dieser 
Kunstblüthe darf man der böhmischen Nation nicht absprechen, 
schon ihre Leistungen auf dem Gebiete der Malerei beweisen, 
dass sie vor allen anderen slavischen Völkern künstlerisch begabt 
war. Aber selbstschöpferisch trat sie denn doch, besonders in 
der Architektur, nicht auf, und die spätere Generation böhmischer 
Meister ging erst aus der Schule herbeigerufener Ausländer her- 
vor. Neben den Deutschen, die natürlich schon vermöge ihrer 
geographischen Nähe die überwiegende Mehrzahl bildeten, finden 
wir zweimal die Nachricht von der Berufung französischer Mei- 
ster. Eine Spur französischen Einflusses glaubten wir schon in 
den Miniaturen der vorigen Epoche zu bemerken, auch wäre es 
erklärbar, wenn das slavische Volk gleichsam über die Köpfe 
der unbeliebten Deutschen hinweg nach anderen Gegenden blickte. 
Aeusserungcn, die auf ein grosses Ansehen französischer Zu- 
stände deuten, finden sich wohl bei den Chronisten M), und je- 
5') Aeneas Sylvius, Hist. Boem. cap. 30. Die ganze volltönende Stelle 
ist bei Fiorillo, Deutschland, I, 125, abgedruckt. 
w) Franciscus Pragensis (bei Pelzel et Dobrowsky, Script. rer. Bohern. 
Tom. II, Lib. III, c.  "Francia est felix terra, nam ibi est pax et justitia 
Sinß Ellenvi." Von Kaiser Carl sprechend : .„Domum regium construxit admi- 
rabilem, magnam, nunquarn prius in hoc regno talem visam, ad instar do- 
muS regis Franciae." Die von Fiorillo (I, 123) angeführte Aeusserung 
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