Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-964194
VVestphaleu. 
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theilig, etwa auf der Mitte ihrer grosseil Höhe durch quer-gelegte 
Bögen und Rosetten getheilt, ihr Maasswerk zum 'l'heilinreinen, 
zum 'l'heil aber auch in sehr ausschweifenden, unschönen Formen. 
Bei alledem aber ist das Gebäude eines der schönsten in West- 
phalen und sehr zu bedauern, dass es in einem der Verwitterung 
sehr ausgesetzten Steine gebaut ist, der neuerlich eine umfassende 
Herstellung nöthig gemacht hat. 
Wenn man den Grundriss der W iesenkirche betrachtet, 
überzeugt man sich, dass der Meister ein bedeutsames Spiel mit 
dem Quadrate im Sinne gehabt. Denn das Langhaus zwischen 
der Vorhalle und dem Chor ist zwar dem Maasse nach ein Recht- 
eck mit einer Länge von fast 100 und der Breite von S? Fuss, 
erinnert aber in seiner Anordnung an das Quadrat, weil es durch 
vier Pfeiler, die ein Quadrat umschliessen, in neun Gewölbfelder 
getheilt ist. An Ort und Stelle empfindet man diese centrale Be- 
ziehung sehr deutlich. Dieselbe Anordnung finden wir nun an 
einer anderen Kirche in sehr viel vollkommenerer Weise, indem 
das Langhaus zwischen Vorhalle und Chor, ein wirkliches, aus 
neun quadratischen Gewölbfeldern bestehendes Quadrat bildet. Es 
ist dies die Stiftskirche StMaria auf dem Berge (daher 
die Bergerkirche genannt) bei Herford, eines der zierlichsten, 
liebensurürdigsten gothischen Bauwerke YVestphalens, angeblich 
im Jahre 1325 gegründet und auch nach dem Zeugniss ihrer 
reinen Formen älter als die YViesenkirche. Die Dimensionen sind 
bedeutend geringer, die Vorhalle trägt nicht zwei, sondern nur 
einen 'l'hnrn1, der Chor hat statt jener pikanten polygonen Gestalt 
die allergewöhnlichste, indem er sich einschifüg mit geradem 
Schlusse dem ltlittelschiffe anfügt, aber die Ausführung ist sehr 
viel edler und schöner, als an jenem künstlichen Bau. Die Fenster 
haben Maasswerk reinster Form, zum 'l'heil noch neben schönen 
alten Glasgemälden, die schlanken Rnndpfeiler mit vier stärkeren  
und vier schwächeren Diensten niedrige Kapitale mit freiem schö- 
nem Blattwerk. Vor allem aber trägt die quadrate Form der Ge- 
wölbe wesentlich zu dem harmonischen Eindrücke des Ganzen 
bei, indem ihre Gurten, alle aus dem gleichseitigen Dreiecke con- 
struirt, hoch und kühn ohne Ungleichheiten und Zwang aufstei- 
gen und so ein Gefühl der Ruhe verbreiten. Bemerkenswerth ist
        

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