Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-963677
'l'heoretische 
Tendenz. 
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begnügte. Aber allmälig mischte sich der deutsche Hang zu 
zwecklosen Spitztindigkeiten und Grübeleien hinein; den schlich- 
ten, nur technisch herangebildeten Meistern der Bauhütte er- 
schienen die einfachen Ergebnisse geometrischer Verhältnisse 
als Geheimnisse oder als tiefe Gelehrsamkeit, mit der sie prunk- 
ten, sie gewohnten sich zuletzt in der Künstlichkeit solcher 
Uebergänge und Lösungen die Schönheit zu suchen, und ver- 
loren darüber das Gefühl für die Bedeutung des organischen Zu- 
sammenhanges. 
Wir haben damit die beiden Elemente angedeutet, aus denen 
sich die weiteren Eigenthümlichkeiten der deutschen Architektur 
entwickelten; Einfachheit und die Vorliebe für geometrische 
Theorie. Im Uebrigen theilten unsere Bauleute die Tendenzen 
anderer Länder. Die letzten Ueberreste der Horizontale und 
cylindrischer Form verschwanden, die Kapitäle an Diensten, 
Portalen und Fensterpfosten wurden verkleinert oder ganz fort- 
gelassen, die Gewölbrippen unmittelbar aus den Diensten ent- 
wickelt; die Wellenlinie kam auch hier in Aufnahme, sowohl 
an Profilen der Gesimse und Basen, der Pfeiler und Dienste, als 
auch im Grossen an den Portalen. Indessen verfuhr man dabei 
in dieser Epoche noch mit grosser Mässigung, wozu ausser der 
allgemeinen Richtung auf das Einfache auch die vorherrschende 
Hallenform wesentlich beitrug. Denn ihre räumlichen V er- 
hältnisse duldeten Weder die äusserste Zersplitterung noch die 
höchste Steigerung des Luftigen, Kühnen und Weichen; ihre 
Pfeiler, wenn auch noch so schlank, blieben doch immer in sich 
zusammenhängende Massen, die ein Zerfliessen nach vielen 
Seiten wie bei Schiffen verschiedener Höhe nicht gestatteten, 
ihre hohen Fenster durften, wenn sie nicht unförmlich erscheinen 
und die Kirche völlig in ein Glashaus verwandeln sollten, nicht 
bis an die Pfeiler ausgedehnt werden. Für Triforien und künst- 
liche Wanddecoration war ohnehin keine Stelle. Daraus ergab 
sich vielmehr die entgegengesetzte Gefahr, die einer allzugrossen 
Gewöhnung an das Einfache und Massenhafte, an das blos 
Nützliche, bei welcher der Sinn für feinere Ausarbeitung sich 
allmälig verlieren musste. Und diese Gefahr wurde durch jene 
Vorliebe für geometrische Studien und Formspiele nicht abge- 
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