Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-963669
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Deutsche 
Gothik. 
In Deutschland dagegen wollte man das Verticale, den Ausdruck 
des Schlanken und Aufstrebenden gerade am Ganzen und an den 
Haupttheilen, den einzelnen VVandflächen, den gewölbtragenden 
Pfeilern, den Fenstern Wahrnehmen, und vermied deshalb alle 
Horizontallinien und Unterbrechungen, selbst die aus anderen 
Gründen so empfehlenswerthen 'l'riforien. Aus demselben Grunde 
musste aber auch die allzugrosse Häufung verticaler Glieder be- 
denklich scheinen, denn auch sie erschwerte dem betrachtenden 
Auge die Anschauung der Gesammtform; der Gedanke des 
Schlanken verband sich daher mit dem des Einfachen. Dass der 
reiche französische Chorplan in Deutschland so Wenig Nachah- 
mung fand, hatte seine Ursache gewiss nicht blos in der Spar- 
samkeit, sondern in der Vorliebe für die schlankere Form des 
Polygonschlusses, gegen welche die breitere Masse jenes Chor- 
umganges plump und schwer erschien. Ueberhaupt erhielt ver- 
möge dieser Auffassung des Verticalprincips die Polygonform 
eine grössere Bedeutung, als sie im gothischen Style vermöge 
des Rippengewölbes und durch das Bedürfniss der Verringerung 
und Zuspitzung der Massen schon an sich hatte. In Frankreich 
war sie nur ein Element der Berechnung oder der Construction 
und wurde in der Ausführung durch die Menge der Einzelheiten 
verdeckt, und in England schloss man gar den Polygonwinkel 
aus dem Kirchenplane zu Gunsten des rechten Winkels ganz aus. 
In Deutschland dagegen behandelte man die Polygonform als ein 
selbstständiges und Wichtiges Element der Gothik. Zunächst 
wie gesagt, um die Massen in einzelne schlanke Wände zu 
brechen, bald aber auch aus unmittelbarer Vorliebe für ihre kry- 
stallinische Erscheinung. Es war, als ob man durch die geome- 
trischen Probleme, die sich an sie knüpften, den Schlüssel zur 
Lösung tieferer Räthsel zu erlangen glaubte; man behandelte sie 
als den Wichtigsten Gegenstand architektonischer Uebung, als 
den Schatz der Bauhütte. Anfangs wirkte diese theoretische 
Neigung nur günstig; sie schärfte den Eifer der Bauleute, be- 
wahrte sie vor schlaffer Willkür und trug dazu bei, eine Wohl- 
thätige Strenge der Formen und die energische Ausarbeitung der 
Profile zu erhalten, Während die französische Schule sich schon 
längst mit oberflächlichen Andeutungen und mit leerer Eleganz
        

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