Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-963657
Ihr 
bürgerlicher 
Charakter. 
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unmittelbar nach seinem Eindringen bei uns erfahren hatte, ob- 
gleich nicht an Unternehmungen städtischer Gemeinwesen er- 
funden, tragen diesen bürgerlichen Charakter und fanden daher. 
auch jetzt allgemeine Anwendung. Besonders zwei derselben 
sind wichtig; das Aufgeben der breiten glänzenden Choranlage 
mit Umgang und Kapellenkranz, statt deren man selbst bei Ka- 
thedralen den einfachen, polygoneu Chorschluss wählte, und dann 
die Erfindung der Hallenkirche, bei welcher die malerische Ver- 
bindung von höheren und niedrigeren Räumen, der Schmuck der 
kühnen Strebebögen und Fialen, die erstaunenswerthe Leichtig- 
keit und Durchsichtigkeit des ganzen Baugerüstes fortiielen. 
Hatte man in der vorigen Epoche noch geschwankt, so Wurden 
beide Formen jetzt zur vorherrschenden Regel, von der nur ein- 
zelne Gebäude, zum Theil in Folge nachweislichen fremdländi- 
schen Einflusses Ausnahmen machen. Es ist bezeichnend, dass 
man gerade jetzt bei voller Kenntniss des reichen französischen 
Styls und mit einer an ihm herangebildetexl Schule von Bauleuten 
sich dennoch für diese schlichteren Formen entschied; es zeigt 
deutlich, dass dabei eine bleibende Geschmacksrichtung der Na- 
tion zum Grunde lag. 
Mit dieser nationalen Tendenz ging dann aber das in der 
Stellung des Jahrhunderts begründete Bestreben auf stärkere 
Betonung der Principien Hand in Hand; es lag dies sogarin 
Deutschland näher als in Frankreich, theils wegen der theoreti- 
schen Neigung unseres Volkes, theils weil wir den gothischen 
Styl schon als einen fertigen überkommen hatten. Nur freilich 
verstand man diese Principien hier anders. In Frankreich und 
England äusserte sich der Verticalismus hauptsächlich in Bezie- 
hung auf die einzelnen Theile; diese so schlank, so fein wie mög- 
lich zu gestalten, siein rücksichtsloser Kühnheit aufsteigen, 
gipfeln, oder sich zierlich beugen und in weicher Eleganz in ein- 
ander überiliessen zu lassen, das war die vorherrschende, man 
darf wohl sagen auf ritterlichen Anschauungen beruhende Nei- 
gung. Dabei ertrug man aber in England durchgeführte Hori- 
zontallinien und gab dem ganzen Bau bei geringer Höhe eine lang 
gestreckte Achse, und in Frankreich häufte man jene schlanken 
Einzelheiten so sehr, dass das Ganze schwer und breit erschien 
VI. 15
        

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