Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-963649
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Deutsche 
Gothik. 
also ihre Schule an blossen Pfarrkirchen vollenden. Es ist ein- 
leuchtend, dass dies auch auf die Fomien nicht ohne Einfluss 
bleiben konnte; Bürgermeister und Rath machten andere Anfor- 
derungen, als die kirchlich gelehrten und aus ritterlichem Blute 
abstammenden Bischöfe und Domherren, und die Pfarrkirche hatte 
eine andere Aufgabe, wie die Kathedrale. Grosse, weite, hellbe- 
leuchtete Hallen, welche der dichten Menge reinere Luft und freien 
Durchblick zum Altare gewährten, waren das wesentlichste Er- 
forderniss, auf den breiten, ausgedehnten Chor, in welchem die 
prachtvollen Sitze der Domherren eine würdige Stelle finden soll- 
ten, auf die aristokratische Absonderung und Unterscheidung ver- 
schiedener Theile konnte man verzichten. 
Es ist begreiflich, dass diese enge Verbindung der Kunst 
mit dem Städtewesen der deutschen Gothik im Vergleich mit der 
französischen und englischen einen schlichteren, mehr bürger- 
lichen Charakter gab, sie in gewissen Beziehungen beschränkte. 
Alle Motive, welche aus der tiefsinnigen Pracht des bischöflichen 
Cultus, aus der Begeisterung für die Herrlichkeit der Kirche, aus 
der aristokratischen Kühnheit entnommen waren, die auf die 
Vertreter der Kirche überging, fielen hier fort; die äusserste 
Eleganz würde der Bestimmung dieser Bauten und dem Geiste 
der Communen entgegen gewesen sein. Aber auch so blieb die 
Aufgabe doch noch eine bedeutende und würdige; diese Pfarr- 
kirchen sollten den Ausdruck der tiefen, wahren, nicht durch 
hierarchische Nebenabsichten getrübten Frömmigkeit, des Selbst- 
gefühles bürgerlicher Freiheit, der Macht eines grossen Gemein- 
wesens geben, und die Ausführenden standen in der Mitte dieser 
Anschauungen und wurden darin durch den Beifall ihrer Mit- 
bürger bestärkt und gehoben. Jedenfalls war es ein Glück, dass 
dieser Stoff sich darbot; denn die Begeisterung für glänzendes 
Kirchenthum hatte überall keine Kraft, nicht einmal in der Geist- 
lichkeit selbst, und die Nachblüthe des Ritterthums fehlte in 
Deutschland. Das deutsche Volk ist bürgerlichen Siimes, es 
hatte in allen Epochen einfachere Formen geliebt, und es war 
kein Zufall, dass es erst unter dem vorherrschenden Einflüsse der 
Städte die letzte Hand an die Ausbildung seiner- Architektur 
legte. Schon die ersten Aenderungen, welche der gothische Styl
        

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