Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-963549
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Perpendicularstyl. 
Style nicht gewohnt sind; es hat sich ein Hauch moderner Civi- 
lisation darüber gelagert. Der Charakter des Werks ist jeden- 
falls ein speciüsch englischer; alle die eigenthümlichen Anforde- 
rungen des brittischen Raumgefühls, welche wir früher wahr- 
nahmen, sind berücksichtigt und befriedigt, aber sie haben ihren 
herben Ausdruck verloren. Aus allen früheren brittischen Bau- 
weisen sind Elemente beibehalten, aber ohne ihre frühere Ein- 
seitigkeit. Die unmittelbar vorher herrschende Weichlichkeit 
fliessender Formen ist einer geradlinigen Behandlung gewichen, 
aber die Wellenlinie und der Flachbogen sind als nützliche Mo- 
tive beibehalten, der Lancetbogen darf nicht mehr mit seiner 
scharfen Spitze frei hervortreten, aber er dient in dem eintönigen 
Parallelismus des perpendicularen Maasswerks zur Sonderang- 
und Gruppenbildung. Selbst aus den normannischen Bauten ist, 
trotz des grellen Contrastes ihrer Schwerfälligkeit und dieser 
Eleganz, die Massenhaftigkeit und die Richtung auf das Breite 
im Gegensatze gegen den prunkenden Schein des Leichten in den 
dazwischen liegenden Stylen wieder zu Ehren gekommen. 
Durch diese Verschmelzung verschiedener Elemente und 
durch die augenscheinliche Sorge eine richtige Mitte zu halten, 
hat das Werk etwas Eklektisches; es erscheint fast wie ein 
Compromiss zwischen der Gothik und den brittischen Anschau- 
ungen, also auch zwischen dem Verticalismus und der natürlichen 
Horizontale und in gewissem Sinne zwischen der kühnen, einsei- 
tigen Geistigkeit des Mittelalters und dem modernen Naturalismus. 
Aber dennoch haben Wir hier nicht das erkaltende Gefühl, Wel- 
ches eklektische Kunstwerke sonst geben; das Werk tritt uns 
nicht blos als ein wohlgeordnetes, sondern als ein lebensvolles, 
organisches entgegen. In der That War es kein gewöhnlicher, auf 
künstlerischer Reflexion beruhender Eklekticismus; jenes Com- 
promiss hatte nicht der Architekt gemacht, sondern es war in der 
englischen Nation geworden. Vermöge ihrer Schicksale und 
ihrer Eigenthümlichkeiten hatte sie die weltgeschichtliche Auf- 
gabe, mittelalterliche und moderne Elemente zu verbinden, diese 
noch innerhalb des mittelalterlichen Gedankenkreises zu antici- 
piren, und dafür manche diesem Kreise angehörige Anschau- 
ungen weit hinein in die neuere Zeit zu übertragen, hierarchische
        

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