Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961441
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Einleitung. 
Die Kunstgeschichte giebt kein so unerfreuliches Bild. 
Die Architektur zeigt zwar nicht mehr das beständige kühne 
Fortschreiten von einer Erfindung zur andern, wie in den 
beiden vorigen Jahrhunderten, aber sie erhält sich in rüstiger 
und erfolgreicher Thätigkeit und mit fast unverminderter Rein- 
heit des Styls, und daneben erwacht in der Plastik und Ma- 
lerei ein frisches, seelenvolles Leben, von dem man kaum 
weiss, 0b man es als die Vollendung und den Abschluss 
mittelalterlicher, oder als den ersten, zarten Keim moderner 
Kunst betrachten soll. Und auch hier ist die Kunst nicht eine 
gleichgültige, von der inneren Entwickelung unabhängige Er- 
scheinung, sondern die Aeusserung sittlicher Regungen, welche 
nur in der politischen Geschichte keinen Ausdruck finden und 
daher von den Beschreibern derselben unbeachtet bleiben oder 
nicht genügend gewürdiget werden. Es ist eine Zeit des 
Ueberganges und zwar eines raschen Ueberganges, wo neben 
den herbstlichen Früchten der alternden Zeit schon die ersten 
Frühlingsblüthen der neuen hervorspriessen. Diese Mischung 
verwirrte und schreckte die Zeitgenossen, hinderte die Aus- 
bildung grosser Charaktere, und beförderte das Schwanken der 
äusseren Verhältnisse, nöthigte aber die Gemüther zur tieferen 
Einkehr in sich selbst und lehrte sie dadurch ihre inneren 
Kräftp 
ZU 
üben 
und 
kennen 
Zll 
lernen. 
Die Eitelkeit menschlicher Hoffnungen und Gedanken trat 
gleich im Anfange des Jahrhunderts in recht greller und 
schmerzlicher Weise an den Tag. Wer am Schlusse der 
vorigen Epoche die abendländische Welt überblickte, konnte 
sich grossen Erwartungen hingeben. Die innere Unruhe, 
Welche die Völker bis zum Orient getrieben hatte, schien ge- 
stillt; die grossen Ideen, um Welche man gekämpft, hatten im 
Wesentlichen gesiegt, nur das Unerreichbare war aufgegeben 
und dies war entbehrlich. Alle Verhältnisse erschienen wohl- 
geordnet; man dln-fte glauben, auf dauernden Frieden rechnen 
zu können. Eine grossartige Feier am Schlusse des dreizehnten 
Jahrhunderts bestärkte in diesen Hoffnungen. Bonifaz VIIL, 
der Nachfolger der grossen Päpste der I-Iohenstaufezrzeit, bot 
Allen, welche im Laufe des Jahres 1300 die heiligen Stätten
        

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