Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Die Spätzeit des Mittelalters bis zur Blüthe der Eyck'schen Schule
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-961008
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-963059
Stylveränderungexl. 
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schem Sinne niemals verkannt, dass auch im gothischen Sy- 
steme, ungeachtet der stärkeren Verwendung der Verticale, die 
Horizontale eine unvertilgbare Bedeutung habe; es handelte sich 
daher nur darum, dieser relativen Gleichberechtigung beider Rich- 
tungen einen angemessenen harmonischen Ausdruck zu schaffen. 
Der frühenglische Styl halte dies in sehr eigenthümlicher, aus 
nationaler Anschauung hervorgegangener Behandlung versucht; er 
behielt die Horizontaltheilungen des älteren Styles bei und betonte 
nur in den Details, z. B. in der Auflösung des Pfeilers zu völlig 
getrennten Säulen, in der Häufung der aufwärts strebenden Lancet- 
spitzen s. s. w., die Verticale und zwar ziemlich stark. Beide 
Richtungen waren daher nebeneinander gestellt, nicht organisch 
miteinander verschmolzen. Die hieraus entstehenden Mängel und 
Härten konnte aber der weiter durchbildete Sinn der jetzigen 
Architekten nicht mehr dulden; sie strebten daher, weichere 
Uebergänge und eine lebcndigere Gestaltung des Ganzen zu er- 
langen, waren nicht abgeneigt, sich der continentalen Formbe- 
handlung anzuschlicssen, konnten sich ihr aber nicht unbedingt 
hingeben, weil sie den damit nicht völlig zu vereinigenden Grund- 
typus englischer Kirchen festhielten. Es galt daher, eine Aus- 
gleichung zu ünden, imd das War eine Aufgabe, welche sich 
nicht wie jene rein constructive der früheren französischen Schule 
durch consequcnte Durchführung eines Princips lösen liess, son- 
dern bei der es auf Geschmack rund Glück, auf durchaus indivi- 
duelle Gaben ankam, und der man sich nur durch wiederholte 
Versuche und mannigfache Combinationen nähern konnte. 
Die Gesammtheit dieser Versuche ist es, welche man den 
nverzierten" Styl nennt, im Gegensatze sowohl gegen den früh- 
englischen, der ihm vorherging, als gegen den Perpendicularstyl, 
dessen langanhaltende Herrschaft nach ihm begann. Ein fest 
formulirtes Princip, oder auch nur eine genau bestimmte Modi- 
fication des gothischen Princips liegt ihm also nicht zum Grunde, 
er bezeichnet nur die architektonische Bewegung zwischen jenen 
beiden angränzendeil Stylen. Man könnte ihn einen Uebergangs- 
styl nennen, besonders wenn man erwägt, dass in jenen beiden 
anderen Stylen das nationale Element viel bestimmter ausge- 
sprochen ist und dass das Suchen und Streben, welches man
        

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